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#42 Die Zitadelle der gebrochenen Ketten (7. bis 8. Arodus, 4712 AZ)

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Jakob

Jakob

Eine Erzählung von Mareen

1. Layras Geheimnis
Geschafft! Wir fallen uns in die Arme und beglückwünschen Eskel, der noch immer am ganzen Leib zittert. Vahlxefesh'zar nimmt uns in Empfang und sogleich beginnt Grunda, beflügelt von unserem Sieg über die Teufel, aufgeregt von unserer Mission zu berichten. Ihre Worte ergießen sich ohne jede Ordnung wie ein Wasserfall über die Drachendame und mehr als einmal stolpert Grunda über ihre eigene Zunge. Es dauert ein wenig bis sich alle beruhigt haben, doch schließlich sitzen wir gemeinsam bei Tisch und besprechen uns. Während ich mich neugierig durch allerlei außergewöhnliche Dinge probiere, folge ich gespannt den Ausführungen von Sera und Vahlxefesh’zar. Denn die Antworten des Teufels haben mir einige weitere Rätsel aufgegeben. Wo befindet sich diese Zitadelle und was hat es mit den Kytonen, die dort hausen, auf sich?

Vahlxefesh'zar hatte bereits vermutet, dass es sich bei Fahrograz um einen Kytonen handeln könnte und nun wollen wir mehr über diese Kreaturen in Erfahrung bringen. In Gestalt der und bereits bekannten Frau blickt sie nachdenklich und mit Sorgenfalten auf der Stirn in die Runde. „Der Kult des Vevelor also. Es gibt sicherlich weniger gefährlichere Orte.“ Wir erfahren, dass Kytonen eine Vorliebe für Schmerz und Folter haben. Sie fügen ihren Feinden geistiges und körperliches Leid zu, bis diese wahnsinnig werden. Aufgeregt unterbricht Magni die Ausführungen der beiden Frauen. „Es sind Kreaturen von der Schattenebene und sie huldigen Zon-Kuthon, dem Prinzen der Schmerzen.“ Vahlxefesh'zar nickt anerkennend. „Nun, was sie mit ihren Feinden anstellen mag abstoßend klingen, viel schrecklicher erscheint mir jedoch was sie sich selbst antun.“ Irritiert blicke ich auf. „Kytonen führen Operationen an sich selbst durch, bis sie zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Sie versuchen ihre Körper durch diese Eingriffe zu optimieren und glauben durch die erlittenen Schmerzen eine höhere Bewusstseinsform zu erlangen.“ Angewidert lasse ich von meinem Essen ab. Was sind das für Kreaturen, die sich selbst verstümmeln? Und was mögen solche Kreaturen fürchten, wenn sie ihre Klingen gegen sich selbst richten? Der Kult des Vevelor hat die Kunst der Selbstoptimierung durch Operationen am eigenen Körper perfektioniert. Sie glauben nur durch physische Schmerzen die Offenbarung zu erfahren und so zu höheren Wesen zu werden. Vevelor, auch bekannt als „Der gebrochene Traum“, stieg durch Selbstverstümmelungen in den Kreis der Kytonen-Demagogen auf. Diese Demagogen sind transzendente Kreaturen, Halb-Götter, welche von anderen Kytonen als Vorbilder verehrt werden. Sie haben ihre eigenen Tempel und wenn die Informationen des Ayngavhaul korrekt sind, dann wird Faquarl in einem dieser Vevelor-Tempel, im Keller der Zitadelle, gefangen gehalten. Sera blickt besorgt in unsere entgeisterten Gesichter. „Dass Faquarl sich in ihrer Gewalt befindet vermag nichts Gutes zu bedeuten.“

Aber weshalb Faquarl? Was wollen sie von ihm? Und wie sind sie an ihn herangekommen? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Über die Motive der Kytonen können wir nur spekulieren und selbst dafür fehlt uns jeglicher Anhaltspunkt. Sera weiß nur zu berichten, dass Aposteln der Kytonen auf die materielle Ebene ausgesandt werden, um sterbliche in ihre Fänge zu locken. Aber es soll auch jene geben, welche sich freiwillig in die Hände der Kytonen begeben, ihnen nacheifern, um einer von ihnen zu werden. „Könnten nicht wir uns als solche ausgeben?“ Der Vorschlag Moravens trifft zunächst auf heftigen Widerstand, aber nach und nach findet er Unterstützer. Zumal den Gegnern des Vorhabens keine weniger waghalsige Option einfallen will. „Angenommen es funktioniert und man gewährt uns Zutritt, was dann?“, will Eskel wissen und die Blicke richten sich erwartungsvoll auf Sera und Vahlxefesh'zar. Doch an diesem Punkt wissen auch die beiden nicht weiter, sie haben die Zitadelle noch nie betreten. „Zieht euch warm an“, scherzt die Drachenfrau, „Kreaturen der Schattenebene fürchten nicht die Kälte.“ Vahlxefesh'zar verspricht uns zur Zitadelle zu bringen, wenn wir dies wünschen. Doch erst einmal brauchen wir eine Pause. Wir müssen uns ausruhen, so sehr die Zeit auch drängen mag.

Bevor wir zu Bett gehen erkundigt sich Vahlxefesh'zar interessiert, ob uns etwas bei unserem Ausflug zum Ayngavhaul in die Hände gefallen sei. Leider hatten wir keine Gelegenheit Ausschau nach etwas zu halten, was ihr hätte gefallen können. Grunda bietet ihr als Dank für ihre Hilfe eine der Dispater-Prägungen an. Ihre Freude über das Geschenk ist groß. Als sie einen Beutel hervorholt, um die wertvolle Münze zu verstauen, verschlägt es uns den Atem. Ihr kleiner extradimensionaler Beutel ist gefüllt mit unzähligen der Teufelsmünzen, geschmiedet aus Engelsseelen. Wir hingegen besitzen nun nur noch lediglich zwei Exemplare. Diese müssen reichen, um Faquarl aus der Kytonenzitadelle zu retten. Grunda lädt die hilfsbereite Drachendame ein uns einmal, nach unserer Rettungsmission, in Narlgaard zu besuchen. Die Paladina hatte damals schon Mathilda im Zwielichtreich davon überzeugen können uns zu begleiten. Auch Vahlxefesh’zar scheint nicht abgeneigt zu sein. „Ich bin diesen Ort nach all den Jahren allmählich wirklich leid.“ Doch als Grunda beginnt konkrete Pläne zu schmieden, winkt sie ab. „Seht ihr erst einmal zu, dass ihr gesund und munter mitsamt eures Freundes in eure Heimat zurückkehrt. Ich bevorzuge die äußeren Ebenen müsst ihr wissen. Die größten Geheimnisse und interessantesten Artefakte sind nicht auf der materiellen Ebene zu finden.“

Layra hat dem Gespräch interessiert gelauscht und schaltet sich nun ein. „Da habt ihr vermutlich recht. Mir fällt ein, dass wir vielleicht deine Hilfe gebrauchen könnten, um ein solches Geheimnis zu lüften.“ Erwartungsvoll blickt die Drachendame Layra an. Zögerlich holt sie einen Ring hervor. Dieser ist makellos weiß ohne jegliche Steine, Verzierungen oder Gravur. Ich habe ihn noch nie gesehen und erfahre, dass eine unbekannte Person ihr das Schmuckstück bei der Expedition hat zukommen lassen, welche zu Moravens Tod führte. „Nun, das sind nicht die Dinge, nach denen ich suche. Ein einfacher Erkenntniszauber lüftet das Geheimnis“, stellt Vahlxefesh'zar fest, nachdem sie einen kurzen Blick auf den Ring geworfen hat. Magni betont, dass Faquarl den Ring vor seinem Verschwinden nicht mehr begutachten könnte und versucht so unsere Unwissenheit zu entschuldigen. Die Drachendame übergeht diese Bemerkung, indem sie an Layra gewandt fragt. „Was geschieht, wenn ihr ihn anzieht?“ „Eine gräuliche Schliere erscheint“, antwortet Layra und demonstriert dies umgehend. Tatsächlich erscheint eine graue Linie, die jedoch sofort wieder verschwindet, als sie den Ring vom Finger streift. Vahlxefesh'zar ist offenkundig von dem Ergebnis überrascht und taxiert Layra mit einem eindringlichen Blick, welcher der Halb-Elfe deutlich unangenehm ist. Ausweichend fährt sie fort. „Moraven hat ihn auch anprobiert, doch bei ihm ist nichts geschehen.“ Die Drachenfrau nickt wissend, lässt uns aber noch etwas im Dunkeln tappen. „Da kann er sich glücklich schätzen“ „Sehr her“, unterbricht Moraven sie und hält seine Hand mit dem Ring ins Licht „auch bei mir erscheint die Schliere nun.“ Nun probieren wir reihum den Ring an. Bei Magni ist die Linie ebenfalls zu sehen und an Grundas Finger bilden sich sogar zwei der grauen Schlieren. Vahlxefesh'zar ist erschüttert von diesen Entdeckungen und blickt uns fassungslos an. Ich bin etwas enttäuscht als der Ring an meinem Finger einfach weiß bleibt. „Was kann dieser Ring denn nun?“, frage ich ungeduldig. Auch an Eskels und Seras Händen ist keine Veränderung des Ringes zu entdecken. Der Drachenfrau steht der Schreck noch ins Gesicht geschrieben. „Das ist ein Ring der Pharasma.“

Während die anderen sofort zu verstehen scheinen, erklärt sich mir nicht sofort, was das zu bedeuten hat. Aus den sofort entbrennenden aufgeregten Gesprächen entnehme ich aber schnell, was es mit dem Ring auf sich hat. Er zeigt an, ob und wie häufig sein Träger zu Tode kam, wie häufig seine Seelen bereits Pharasmas Friedhof betreten hat. Moraven ist, kurz nachdem er den Ring das erste Mal trug, verstorben. Deshalb die Irritation, als er ihn soeben ein zweites Mal anprobierte. Auch mitbekommen habe ich die tragischen Tode Grundas und den Magnis. Doch keiner der Anwesenden wusste um Layras Tod. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war sie selbst nicht einmal in Kenntnis davon. Sie schein verwirrt und mitgenommen und blickt hilfesuchend auf ihre Hände und den, von der grauen Linie durchzogenen Ring. Alle anderen reden wild durcheinander. Moraven versucht die Umstehenden zu beruhigen und sich Gehör zu verschaffen, aber als dies nicht gelingt geleitet er Layra gemeinsam mit Grunda hinaus. Die drei bleiben eine ganze Weile verschwunden. An Tisch wird unterdessen über die Neuigkeiten debattiert und Vermutungen angestellt. Wie könnte sie zu Tode gekommen sein? Wir alle erinnern uns noch lebhaft an ihre Schilderungen, als wir den Engelsschlund passierten. Ein Elf, der ihr eine Klinge in die Brust rammte. War das ein Erinnerungsfetzen aus vergessenen Tagen? Hat sie ihrem Mörder in diesem Moment ins Gesicht gesehen? Mit diesen und weiteren Fragen, werden wir uns ein anderes Mal beschäftigen müssen. Nun können wir nur darauf hoffen, dass Layra diese verstörende Erkenntnis gut verkraftet und uns morgen begleiten wird.

2. Der Tempel des Vevelor
Wieder befinden wir uns unter dem roten Höllenhimmel. Ich befürchte, dass ich mich nie an die abrupten Ortswechsel gewöhnen werde.  Die Luft ist rußgeschwängert, doch Seras Zauber schützen uns vor Rauch, Dampf und Hitze. Wir stehen erhöht und haben einen guten Blick auf diesen uns unbekannten Teil der Stadt. Spitze Türme schmücken die Dächer vieler Gebäude und ich erblicke eine gigantische Pyramide inmitten der Stadt. Ein gigantischer Riss teilt die Landschaft in zwei Hälften, doch eine Straße, welche zu schweben scheint, verbindet die Stadtteile. Aus dem Abgrund dringt feuerrotes Licht. Am Horizont türmen sich mächtige, spitze Berge und geflügelte Teufel und Drachen bevölkern den Himmel. Meine Sorge in Begleitung des Vahlxefesh'zars Aufmerksamkeit verfliegt sogleich. Nicht weit entfernt ist eine eiserne Kette im Fels verankert. Jedes ihrer Glieder ist so riesig, dass Finnvarra einfach hindurchfliegen könnte. An ihrem Ende befindet sich, viele hundert Meter über uns, eine riesige schwebende Insel. Die Größe kann ich unmöglich abschätzen. Vermutlich würde Narlgaard problemlos auf dieser Platz finden. Von solchen schwebenden Felsbrocken sind noch einige weitere zu sehen und die Drachendame deutet mit ihrem Flügel auf einen zu unserer Linken. „Das ist sie, die Zitadelle der gebrochenen Felsen.“

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Auf den Rücken von Finnvarra und Vahlxefesh'zar erreichen wir den schwebenden Gesteinsbrocken und erspähen den Vorsprung an dessen Unterseite, von welchem der Ayngavhaul sprach. Im Schatten der fliegenden Insel ist es finster und merklich kühler. Die Drachendame verabschiedet sich und wünscht uns, mit besorgtem Blick in Richtung des finsteren, mit Ketten behangenen Eingang, viel Glück, bevor sie verschwindet. Es werden einige Lichtzauber gewirkt, bevor wir uns die die Treppe hinunter wagen. Als ich ein paar Schritte mache, bemerke ich, dass der Boden unter meinen Füßen an Metall erinnert. Moraven beschwört noch einmal unseren Plan: Wir sind Verehrer Vevelors und bitten darum in den Kytonenkult aufgenommen zu werden. Doch unser Vorhaben ist unausgereift. Was, wenn sie uns nicht glauben? Und was, wenn sie uns glauben? Wie geht es dann weiter, wie finden wir Faquarl? Wir haben uns lediglich darauf verständigt Kampfhandlungen nur im äußersten Notfall anzuwenden, denn wer weiß schon wie mächtig diese, dem Schmerz huldigenden Kreaturen sind?

Wir stehen am Eingang, vor uns führen Stufen hinab in die Dunkelheit und von den hohen Decken hängen eiserne Ketten. Einige sind so lang, dass wir uns unter ihnen hindurch ducken müssen. Vorsichtig steigen wir hinab. Ein kalter Windhauch kommt uns entgegen und zerzaust mein Fell. Die Ketten klirren und unser Atem kondensiert. Nun sind wir inmitten der Hölle und ich friere! Noch bevor wir die letzte Stufe erreich haben, erblicke ich am Ende des Ganges etwas Kleines, Rundes. Eine Kugel, aus deren Innern scharfkantige Klingen herausragen fliegt auf uns zu. Erst als sie direkt vor Moraven schwebt, der einen Schritt auf den absonderlichen Wächter zumacht, sehe ich rotes Fleisch zwischen dem Bänderpanzer aufblitzen. Ein zu einer Kugel geformter, mit Klingen bestückter Fleischball. Im ersten Moment meine ich, es könnte sich unmöglich um ein lebendes Wesen, sondern müsse sich vielmehr um eine Maschine handeln. Doch dann sehe ich es. Ein Auge funkelt durch die Panzerung und fixiert Grunda, die sich tief vor der Kreatur verbeugt. Die uns bekannten, klickenden Laute dringen aus dem Innern der Kugel. Erwartungsvoll richten sich unsere Blicke auf Sera. Sie antwortet ihm mit kehligen Geräuschen und wendet sich dann uns zu. „Der Augur fordert uns auf an Ort und Stelle zu warten.“

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Während wir tun was man uns aufgetragen, hören das Kratzen von Ketten, die über den Boden geschleift werden. Der Augur, ein Späher niederen Ranges, inspiziert uns, indem er mit zuckenden Bewegungen Grunda und Moraven umkreist. Dabei kommen die gezackten Klingen der Paladina gefährlich nahe. Mit einem Ruck fliegt er plötzlich direkt auf sie zu. Doch anstatt auszuweichen bleibt sie regungslos stehen. Der Augur prallt gegen ihre Brust und einige der scharfkantigen Klingen durchdringen ihre Rüstung. Grunda stöhnt ekstatisch auf und im ersten Moment gelingt es ihr auch mich zu täuschen. Sie gibt vor den Schmerz in vollen Zügen zu genießen. Das Rasseln der Ketten wird lauter und kurz darauf erscheint eine weibliche Gestalt, umringt von vielen weiteren Auguren im Gang vor uns. Ihre Haut ist bläulich, wie die eines Erfrorenen, und von Narben übersäht. Sie trägt keinerlei Kleidung und ist stattdessen mit unzähligen Ketten behangen. Viele von ihnen haben Widerhaken an ihren Enden. Ihre leuchtend-gelben Augen blicken uns ausdruckslos an. „Eine Evangelistin“, haucht Sera uns zu, „ihr könnt ihr unser Anliegen vortragen. Sie sollte der gemeinen Zunge mächtig sein.“

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Moraven tritt vor und verbeugt sich vor dem Kyton. „Voller Ehrfurcht haben wir die lange und beschwerliche Reise auf uns genommen, um diesen heiligen Ort zu betreten. Vevelor gab uns die Kraft, seinen Idealen eiferten wir nach und nun sind wir hier, um als Jünger ihm und seinem Kult zu dienen.“ Er hat noch nicht zu Ende gesprochen, da wird er barsch von der Evangelistin unterbrochen. Mit kühler Stimme befiehlt sie: „Entledigt euch eures Hab und Guts. Waffen, Rüstungen, Kleider, jeglicher Besitzt – all dies benötigt ihr hier nicht.“ Moraven sieht sie einen Moment wie verständnislos an. „Auf den Boden! Legt euch auf den Boden!“, fährt sie ihn an, „Tut was ich euch aufgetragen habe!“ Der Fürst geht vor ihr auf die Knie und legt ihr einen Dolch und seine Armbrust zu Füßen. Danach beginnt er unbeholfen an seiner Rüstung herum zu fummeln, während er mit gesenktem Blick fortfährt. „Wir wünschen Fahrograz zu sprechen.“ Doch die Evangelistin übergeht seine Bitte und richtet ihre Forderung nun an uns alle. Man kann die Nervosität aller deutlich spüren. Ist der Bluff aufgeflogen? Wir wissen es nicht. Vermutlich glaubt sie Moraven sogar, jedoch haben wir nicht damit gerechnet uns bis auf die nackte Haut ausziehen zu müssen. Wir beginnen langsam Messer, Speere und Bögen auf die eiskalten Stufen zu legen, doch niemand wagt es sich gänzlich auszuliefern. Das entgeht auch der Evangelistin nicht. Mit steinerner Miene blickt sie in die Runde. „Ihr werdet Schmerzen ertragen, wie ihr sie nie zuvor erlebt hat. Entledigt euch eurer Sachen, wir entledigen uns anschließend eurer Körper.“ Ihr Arm schnellt nach vorne und eine der Ketten peitscht nach Moraven. Sie fährt einmal komplett über seinen Rücken und er schreit vor Schmerz auf. Auch er versucht den Schmerzensschrei als eine lustvolle Marter zu tarnen. Als ich von Moravens geschundenem Rücken wieder zur Evangelistin aufblicke blicke ich in ein vertrautes, zotteliges Gesicht. „Marlin!“, keuche ich, doch Sera packt mich an der Schulter, als ich einen Schritt auf meine Freundin zumachen will. Sie war einst Teil unseres Rudels und fiel den Raben vor einigen Jahren zum Opfer. Ich reibe mir die Augen, doch sehe immer noch ihr Wolfsgesicht anstelle des Kytonen. „Sie treiben ihre Feinde in den Wahnsinn“, flüstert Sera beschwörend. Ich greife nach ihrer Hand und atme schwer, versuche mich von dem Anblick abzuwenden. Ein weiteres Mal peitscht die Evangelistin nach Moraven, ein weiters Mal gräbt sich die Kette in sein Fleisch. Grunda stellt sich nun schützend vor den Fürsten und Eskel erhebt seine Stimme. Doch der Kyton lässt sich nicht einschüchtern. „Ihr werdet hier keine Widerworte leisten, sondern die Schmerzen ertragen, für die ihr gekommen seid.“ Wie um seine Worte zu unterstreichen fliegt abermals der Augur auf Grunda zu. Sie lässt es geschehen. Sera hält meine Hand, ihre Finger sind schwitzig und nervös tippelt sie von einem Bein auf das andere. „Das“, brüllt Eskel, „ich der Schmerz, für den ich gekommen bin!“ Mit einem Satz springt er die Stufen hinunter, zückt dabei sein Schwert und lässt einen Hieb auf die Evangelistin hinunterfahren.

Von der plötzlichen Wendung überrascht, gelingt es der Evangelistin nicht dem Hieb auszuweichen. Noch bevor sie kampfbereit ist, steckt Grundas Rapier zwischen ihren Rippen. Ein Schrei entfährt ihr, der von der Decke des Raumes wiederhallt und von metallischem Klirren begleitet wird. Die Ketten, welche von der Decke herabhängen erzittern, biegen sich und scheinen zum Leben erwacht. Ich ziehe meinen Kopf ein. Die Auguren beginnen nervös zu rotieren und in der Luft hin und her zu zucken. Auch die Ketten am Körper des Kytonen scheinen zum Leben erwacht und prasseln auf Eskel und Grunda ein. Moraven nutzt das Chaos und kriecht außer Reichweite der Ketten. Mit einem Heilzauber kümmert sich Sera um seinen geschundenen Rücken. Noch bevor die Evangelistin niedergestreckt ist, hören wir eilende Schritte herannahen. Moraven versucht verzweifelt an unserem Plan festzuhalten und die Kampfeshandlunge zu beenden. „Haltet ein! Bringt uns unverzüglich zu Fahrograz und die Waffen sollen ruhen!“ Doch seine Stimme geht im Kampfeslärm unter.

Eine Eskalation ist nicht mehr abzuwenden und ich stürze nach vorne, weiche den heranschnellenden Auguren aus und finde mich an der Seite Grundas wieder. Gemeinsam kämpfen wir uns aus dem Gang und finden uns in einer Halle auf einer erhöhten Ebene wieder. Aufgrund der Dunkelheit kann ich nicht abschätzen, wie groß der Raum ist. Hinter der Brüstung geht es einige Meter in die Tiefe. Grunda, die über weit schlechtere Augen verfügt, kann vermutlich nicht einmal die herbeieilenden Evangelisten erspähen. Alle sind sie von Ketten umschlungen. An ihren Enden befinden sind Morgensterne und Sicheln. Der Farbton ihrer Haut reicht von blau bis rot, aus ihren Augenhöhlen starrt nur leuchtende Leere. Seite an Seite kämpfen wir gegen die Kettenkrieger. Grunda versucht den Angriffen auszuweichen, ich halte mein Schild schützend vor mich. Eskel hat sich unterdessen zu doppelter Größe anschwellen lassen und nimmt mit seinem massigen Körper den gesamten Gang ein. So schirmt er die Zauberwirker von den heraneilenden Kytonen ab. Doch wo ist Magni? Anstatt sich die Evangelisten vorzunehmen, drischt er mit seinem Hammer auf die durch die Luft schwirrenden Auguren ein. Als er einen von ihnen satt erwischt, schießt dieser wie ein Pfeil aus dem Gang und verschwindet in der Dunkelheit.

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Unsere kettenbesetzen Widersacher weisen allesamt deutliche Spuren von grausamen Verletzungen auf, die sie jedoch nicht einzuschränken scheinen. Ihre Körper sind von Kopf bis Fuß vernarbt, in das Fleisch sind Ketten eingearbeitet und manchen fehlen schlicht einige Gliedmaßen. Doch als ich den Suffragan erblicke, der auf mich zugekrochen kommt, mache ich vor Schreck einen Satz rückwärts. Der gesamte Unterleib fehlt. Seine verbliebenen Extremitäten sind entstellt oder amputiert, enden in fleischartigen, mit Widerhaken besetzen Peitschen und Ketten. Die lange, gespaltene Zunge ragt wie eine Klinge aus seinem weit aufgerissenen Maul. Voller Entsetzen will ich mit meinem Streitflegel auf ihn einprügeln, hole aus und erstarre inmitten meiner Bewegung. Meine Gliedmaßen werden im ersten Moment steinhart, dann spüre ich sie nicht mehr. Nur noch meine Augen zucken hilflos in den Höhlen. Ein schwebender Kyton aus dessen Armstümpfen ebenfalls schwere Ketten entspringen, hat seinen leeren Blick auf mich geheftet und mich vermutlich mit einem mächtigen Zauber belegt, der mich bewegungsunfähig macht. Aus dem kahlen Schädel ragen Metallstacheln. Was hält diese Kreaturen am Leben? Sie scheinen nicht auf einen intakten Körper angewiesen zu sein. Solche Verletzungen würden für jede andere Kreatur den Tod bedeuten.

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Im Gang hinter mir höre ich das Rasseln hunderter Ketten und ein Schnauben, als Finnvarra sich aus diesen hervorwindet. Die Kytonen lassen von mir ab und wenden sich dem Greifen zu. Doch ihm sind sie unterlegen. Mit seinen Klauen zerreißt er gleich zwei und sprengt dabei die ihn umschlingenden Kettenglieder. Mit geballter Kraft versuche ich gegen den Zauber des Kytonen anzukämpfen und plötzlich kehrt das Gefühl in meinen Körper zurück. Ich mache einen Satz nach vorne und stürze mich auf einen Evangelisten, der gerade auf Finnvarra einpeitscht. Wuchtig ramme ich ihm mein stachelbesetztes Schild in die Seite. Mit einem erstickten Schrei wird er über die Brüstung gestoßen und fällt in die Tiefe. Die restlichen Kytonen werden von meinen Gefährten niedergestreckt, aber jener, welcher mich mit einem Zauber fesselte flieht, noch bevor wir ihn ergreifen können in einen angrenzenden Raum. Sofort will ich die Verfolgung aufnehmen, doch Grunda und Finnvarra sind schwer verletzt. Noch während unsere Zauberwirker sich ihrer Wunden annehmen dröhnt ein hämisches Lachen aus der Halle vor uns.

„Stets verspotten uns unsere Gegner, selbst in Momenten ihrer Niederlage“, stellt Layra resigniert fest. Von der Brüstung aus ruft Moraven in die Dunkelheit. Seine kräftige Stimme nimmt die gesamte Halle ein. „Wir sind gekommen, um diesem Kult zu dienen, um unsere Körper auf dem Altar des Vevelor zu opfern, um seinem Vorbild zu folgen, aber nicht, um uns von niederen Dienern demütigen zu lassen. Wir verlangen Fahrograz zu sprechen.“ Er will sich schon wieder abwenden, als eine Antwort aus der Dunkelheit schallt. „Ihr werdet hier lernen was Schmerzen sind. Ihr werdet hier erfahren wie man leidet. Jeder einzelne Knochen wird euch gebrochen. Die Haut werden wir von eurem Fleisch schälen. Glaubt nicht, dass ihr es mit uns aufnehmen könnte. Ihr werdet hier zu Grunde gehen.“

Unser Plan scheint endgültig gescheitert, nun müssen wir auf eigene Faust suchen versuchen Fahrograz zu suchen und Faquarl zu befreien. Gerade als wir uns dazu entschlossen haben den Weg zu unserer Linken einzuschlagen, beginnt die Hand von einer der erschlagenen Evangelistinnen sich wieder zu regen. Ich erschrecke, als sie mit ihren langen Fingern nach meinem Knöchel greift und prügle mit meinem Streitkolben auf ihren Rücken ein. Nun scheint sie endgültig erledigt zu sein und ich will weiterziehen. „Sie kommen wieder. Seht genau hin, ihre Wunden verschließen sich.“ Sera deutet auf das zertrümmerte Rückgrat des Kytonen. Tatsächlich! Die Knochen unter der Haut scheinen sich von selbst wieder zusammen zu setzen, wie es auch bei den zähen Trollen der Fall ist. Erst als Finnvarra seine Klauen tief in der Haut versenkt ist der Fluch gebrochen. „Das Amulett …“, murmle ich und Sera nickt. „Nur mit einer versilberten oder gut gesinnten Waffe kann man einen Kytonen ein für alle Mal besiegen.“

Wir müssen den Ort finden, an welchem die Kytonen Operationen an ihren Opfern und sich selbst vornehmen. Dort vermuten wir unseren vermissten Freund. Doch haben wir keinerlei Anhaltspunkte wo dieser Ort sein könnte und so stoßen wir willkürlich eine Türe auf. Dahinter liegt ein kleiner Raum in dessen Mitte eine absonderliche Gerätschaft steht. Auch im nächsten Zimmer finden wir eine ähnliche Vorrichtung. Diese ist jedoch größer und ich werfe einen etwas genaueren Blick darauf. Zahnräder, Ketten, Messer und andere Werkzeuge sind überall angebracht und plötzlich verstehe ich: Wir befinden uns in einer Folterkammer. Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu inspiziere ich das Gerät. Vor meinem inneren Auge kann ich ihn sehen, aufgespannt an Hand- und Fußgelenken, die Rädchen drehen sich, die Messer senken sich. Sein schmerzverzerrtes Gesicht. Erschrocken wende ich mich ab und haste meinen Freunden hinterher, die bereits den angrenzenden Raum betreten haben. Von dort aus geht es weiter, bis wir schließlich unvorbereitet zwei Kytonen gegenüberstehen. Einer hat den Körper eines Mannes, der zweite den einer Frau. Bei dem Mann handelt es sich um einen Ostiarius-Kyton. Er trägt eine schwarze Robe, welche den Blick auf seinen mit roten Mustern verzierten Oberkörper freigibt. Eine Stachelkrone schmückt seinen kahlen Kopf und aus den Augen dringt nur glühende Leere. Der Körper der Frau ist von oben bis unten mit unzähligen Dolchen und Kurzschwertern gespickt. Auch ihr Schädel ist von einer Stachelkrone umgeben, doch ich vermag nicht zu sagen, ob die Stacheln dem Kopf entsprießen oder die metallischen Gegenstände in ihren Schädel gerammt wurden. Ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf, eine undefinierbare Traurigkeit und ich habe Mühe dagegen anzukämpfen. In dem Zimmer befindet sich eine lange, gedeckte Tafel, die dem Anschein nach hastig verlassen wurde. Ich brauche nicht genau hinzusehen, um festzustellen, dass die Speisen keineswegs dem entsprechen, was Magni als eine bodenständige Mahlzeit bezeichnen würde. Offenkundig haben die beiden mit unserem Kommen gerechnet, denn als wir die Tore stürmisch aufreißen blicken sie erwartungsvoll in unsere Gesichter.

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Der Ostiarius ergreift zuerst das Wort. Seine Stimme ist ruhig und er macht keine Anstalten uns anzugreifen. „Was sucht ihr hier?“, und als ihm niemand antwortet fährt er gelassen fort, „Beantwortet die Frage, ich bin sicher ich kann euch behilflich sein.“ Moraven setzt zu einer Antwort an, stockt und bringt kein Wort heraus. „Ihr könnt in der Gegenwart einer Apocrisiarius nicht lügen“, zischt Sera uns zu, „aber auch sie selbst sind wahrheitsliebend. Sollte sie unsere Fragen beantworten kann uns dies von Nutzen sein.“ Der Fürst will ein weiteres Mal ansetzen, bringt jedoch kein Wort hervor. „Ihr kommt unvorbereitet. Das ist töricht. Doch ihr kommt nicht ziellos. Niemand kommt ziellos an einen solchen Ort. Also wiederhole ich meine Frage: Was sucht ihr hier?“ Moraven weicht der Frage aus, indem er eine Gegenfrage stellt. Was erwartet uns, wenn wir den Weg Vevelors einschlagen? „Jene, welche diesen Pfad einschlagen müssen alles hinter sich lassen. Ihr Hab und Gut und ihre Körper. Ewiger Schmerz härtet ihre äußere Hülle gegen jegliche Form von Gewalt ab. Wenn Körper und Geist gebrochen wurden, werden sie dem Interlokutor vorgestellt. Er wird Leib und Seele zu einem Apostel des gebrochenen Traumes formen. Diese neue Existenz wird erfahren was es bedeutet Macht zu besitzen. Sie wird über Fähigkeiten verfügen, von denen man außerhalb dieser Hallen nur zu Träumen vermag.“ Ausdruckslos blickt uns der Ostiarius an. „Ich sehe eure Unsicherheit. Ihr seid nicht gekommen, um dem gebrochenen Traum zu dienen. Beantwortet mir nun meine Frage, sagt mir weshalb ihr diesen Ort aufgesucht hat. Ich werde euch weiterhelfen. Ich denke wir haben ein Recht es zu erfahren, nachdem ihr unsere Brüder und Schwestern geschlachtet habt.“

Der Fürst wirft uns einen fragenden Blick zu. Sollen wir unser wahres Anliegen preisgeben? Als keiner von uns die Initiative ergreift macht Grunda einen Schritt auf die gegenüberliegende Tür zu und schnaubt: „Ihr habt kein Recht dieser Welt unsere Beweggründe zu erfahren“, doch die Apocrisiarius, welche bis zu dem Zeitpunkt kein einziges Wort gesagt hat, stellt sich ihr entschieden in den Weg. Verärgert greift die Paladina nach einem der Dolche, welche im Torso des Kytonen stecken. Blitzschnell, meine Augen können ihren Bewegungen nicht einmal folgen, macht sie einen Schritt zur Seite, zieht sich selbst eines der Messer aus dem Leib und steckt es Grunda bis zum Anschlag zwischen die Rippen unter den noch ausgesteckten Arm. Diese keucht auf und taumelt zurück in die Arme Seras, welche sogleich einen Heilzauber zu wirken beginnt. Auch der Ostiarius weicht zurück und murmelt eine Zauberformel. Ich springe mit einem Satz über die Tafel und setze zu einem Streich gegen die Apocrisiarius an. Aber anstatt meine Waffe auf den stachelbesetzten Kopf niederzuschmettern, lasse ich sie langsam sinken und beginne die Speisen, welche mittlerweile auf dem Fußboden verstreut liegen zu inspizieren. Was mache ich hier? Was ist das für ein Ort und woher kommen all die Leute um mich herum? Ich blicke in die hell-leuchtenden Augen des merkwürdigen Mannes und lausche seinem unverständlichen Murmeln. Will er mir etwas sagen?

Um mich herum tobt der Kampf weiter, doch ich verbleibe als irritierte, stille Beobachterin. Eskel und Magni stürzen sich auf die messergespickte Frau, während Grunde etwas nach ihr wirft. Unterdessen stürmt der Mann aus dem Saal und springt mit wehender Robe über eine Brüstung in die Tiefe. Dieses Bild brennt sich in meinen Kopf ein, bis ein Befehl mich aus meinen Tagträumen reißt. „Tötet sie nicht! Nehmt sie gefangen!“ Ich höre die Worte Moravens, doch sie ergeben keinen Sinn. Finnvarra hechtet durch den Saal, dem fliehenden Mann auf den Fersen. Stühle gehen zu Bruch und die aufgetischten Speisen fliegen durch den Raum. Plötzlich ist die Frau vor mir von meinen Freunden umkreist. Blut fließt aus vielen Wunden und ihre Gliedmaßen werden von einer zähen Masse an der Bewegung gehindert. „Was seid ihr für Kreaturen?“, flüstert sie, „Was wollt ihr hier? Ich werde nicht schlau aus euch.“ Das Messer in ihrer Hand fällt klirrend zu Boden. „Vor dem Tod habe ich keine Angst. Sagt mir was ihr von uns wollt. Ich werde es euch verraten.“ Magni macht einen Schritt auf sie zu und legt ihr Handschellen an, als sie keine Anstalten macht sich zu wehren. Aus der Halle, in der der Ostiarius und Finnvarra soeben verschwunden sind, hören wir den Schrei des Greifen. Als meine Freunde Finnvarra hinterherstürmen schaue ich ihnen teilnahmslos hinterher. „Mareen!“ Jemand ruft nach mir. Ich werde herumgerissen. Moraven starrt mir ins Gesicht. „Was ist los mit dir?“ Langsam fügen sich die Worte in meinem Kopf zu einem Satz zusammen und ich begreife deren Bedeutung. Was ist los mit mir? Ich weiß es nicht. Warum stehe ich hier tatenlos herum? Noch etwas benommen eile aus dem Raum, packe dabei die Apocrisiarius bei den Handschellen und schleife sie hinter mir her.

Draußen stehe ich auf abermals auf einer erhöhten Ebene. In der Halle unter mir gräbt Finnvarra seine Klauen in das Fleisch des Ostiarius. Dann taucht aus einem zwielichtigen Gang ein Sakristan-Kyton auf, furchteinflößender als alle Kytonen, die wir bisher zu Gesicht bekamen. Sein Schädel ist von langen, spitzen Metallstäben durchbohrt. Einer dieser Stäbe verläuft quer durch seinen Kiefer. Die Augen sind ihm mit einem schwarzen Band aus Leder verbunden, doch das scheint ihn nicht einzuschränken. Mit einem Fauchen, andere Laute kann er vermutlich nicht von sich geben, stürzt er sich Finnvarra entgegen. Seine Stachelkette wird durch die Luft geschleudert. Die Sense an ihrem Ende trifft den Greifen in die Flanke und fügt ihm einen großen Schnitt zu. Der schwer verwundete Ostiarius nutzt die Gelegenheit abermals zur Flucht. Finnvarra springt seinen Widersacher an, versenkt seine Klauen in dessen Unterleib und beißt ihm in den Arm. Der Kyton kann keinen Schrei ausstoßen und beißt fest auf das Metall zwischen seinen Zähnen. Ein entsetzlich hohes Geräusch, was ich noch nie zuvor gehört habe, erfüllt die ganze Halle. Im nächsten Moment reißt die Kreatur die Metallstange zwischen ihren Zähnen mit einem kräftigen Ruck heraus. Der Kiefer klappt herunter, weiter als irgendeine Kreatur ihr Maul aufsperren kann, und ein schwarzes Loch klafft aus der Mundhöhle. Ein Heulen und Grollen dringt aus dem Schlund und im nächsten Moment ist der Kyton mitsamt Finnvarra in Dunkelheit gehüllt.

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Eskel und Grunda springen hinunter, können die Kämpfenden jedoch weder sehen noch in dem Lärm hören, der aus der Dunkelheit dringt. Mit ausgestrecktem Arm tritt Magni an die Brüstung. Gleißendes Licht entfährt seiner Handfläche und schützend hält sich der Dunkelzwerg den anderen Arm vor die Augen, um das blendende Licht abzuschirmen. Das erste Mal ist die gesamte Halle erleuchtet. Ich sehe mich um und ein Schreck fährt mir durch Mark und Bein. Ich stolpere rückwärts, den Blick auf die Kreatur geheftet. Ein an Abscheulichkeit nicht zu übertreffendes Wesen, was wie ein regungsloser Riese vor uns in die Höhe ragt. Wo Haut an Oberkörper, Arm und Hals fehlt, dringt tiefrotes organisches Gewebe aus dem Leib. Eine Hand fehlt gänzlich, an Stelle der Nase klafft ein Loch und auch aus den Augenhöhlen dringt nur Leere. Die graue Haut auf dem haarlosen Schädel und den wenigen unversehrten Stellen ist mit Symbolen tätowiert, deren Bedeutung mit unbekannt ist. Der Unterleib ist in Leder gehüllt. Doch das auffallendste sind die gigantischen Blutgefäße, welche zweier Flügel gleich dem Rücken entspringen und sich in immer kleiner werdenden Adern verästeln. Auch jetzt regt sich die Kreatur nicht. Eine Statue? Nein, die aus dem Innern dringenden Organe und Gefäße müssen real sein. Kein Bildhauer der Welt könnte etwas Derartiges erschaffen. Doch mit jeder verstreichenden Sekunde wird meine Hoffnung etwas größer, bis ich mir schließlich einen Ruck gebe, mich von dem Anblick löse und wieder dem Kampf unter mir zuwende.

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Die Schwärze ist verschwunden und der Kyton wird von allen Seiten attackiert. Finnvarra beißt nach ihm, Grundas Rapier dringt zwischen seine Rippen und unter dem Hieb Eskels bricht er zusammen. Sofort erstirbt das bebende Geräusch, was aus seiner Mundhöhle zu dringen schien. Ohne sich umzusehen stürmen Grunda und Eskel weiter, dem Ostiarius hinterher. Ich will hinunterspringen, mich ihnen anschließen, doch was tun mit unserer Gefangenen, der Apocrisiarius? Kurzentschlossen versetze ich ihr einen heftigen Stoß. Sie taumelt nach vorne und fällt stumm über die Brüstung. Sechs Meter tiefer schlägt sie bäuchlings auf. Ihre Wunden verschließen sich ohnehin in Sekunden, da brauche ich nicht zaghaft mit ihr umgehen. Ich springe hinterher, aber meine Gefährten haben den Ostiarius bereits gestellt. Weitere Kontrahenten sind nicht in Sicht. Ein kleiner Schwarm Auguren flüchtet vor uns in die verwinkelten Ecken der Tempelanlage. Wir haben zwei Gefangene und wenn Sera recht behält, sind sie außer Stande uns Unwahrheiten zu erzählen. Nun wird es doch möglich sein herauszufinden, wo Faquarl sich aufhält!

Erneut werfe ich einen Blick auf den gewaltigen, missgestalteten Schatten hinter mir. Das magische Licht ist erloschen, wodurch ich das ausdruckslose Gesicht kaum mehr erkennen kann. Noch immer erschaudere ich, versuche mir das aber nicht anmerken zu lassen und nähere mich langsam der grotesken Statue. Ihr zu Füßen liegt der deformierte Augur, welchen Magni mit seinem Hammer zerschmetterte. Mit belegter Stimme versuche ich Sera zu schildern, was dort vor uns aufragt. „Das ist er, nicht wahr? Vevelor, der gebrochene Traum.“ Doch nicht Sera ist es, welche mir antwortet, sondern der gefesselte Ostiarius. Er wird soeben von meinen Freunden in die Halle geführt und korrigiert meinen Irrtum. Die Statue zeige nicht den Kytonen-Demagogen, sondern seinen ersten Jünger. Während seinen Ausführungen habe ich zum ersten Male die Gelegenheit den Ostiarius genauer zu begutachten. Die grässlichen Wunden, welche Finnvarras Klauen und Bisse hinterlassen haben beginnen bereits sich zu schließen. Doch die roten Muster auf seiner Haut sind keine Tätowierungen, wie ich nun feststelle, sondern die rot schimmernden Muskeln, welche unter der herausgeschnittenen Haut zum Vorschein kommen. Kann man solch entstellten Wesen überhaupt ein Leid zufügen? Was sie aus freien Stücken mit sich selbst anstellen scheint mir um ein Vielfaches grausamer zu sein.

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Der Ostiarius und die Apocrisiarius leisten keinen Widerstand und machen auch keine Anstalten zu fliehen. Sie scheinen nicht verängstigt zu sein, Stöhnen nicht vor Schmerz und flehen auch nicht um Gnade. Ihr Blick ruht ruhig auf uns und wieder ergreift der nüchterne Ostiarius das Wort. „Ihr tötet nicht zum Spaß. Ihr habt einen Grund hier zu sein. Uns müsst ihr keine Stärke beweisen. Ihr könnt uns nicht foltern und uns auch nicht eurem Willen unterwerfen. Ihr hättet eure Waffen nicht gegen uns richten müssen.“ Ich muss kurz über das Gesagte nachdenken. Tatsächlich scheint mir nichts gewonnen zu sein. Wozu also der Kampf? „Ihr wisst selbst nicht genau, was ihr zu tun gedenkt. Ihr sucht jemanden. Aber ich sage euch, was immer ihr sucht, hier findet ihr keine Hoffnung, nichts was euch Freude bereiten wird.“ Wir bringen in Erfahrung, dass die Operationen in einem angrenzenden Raum durchgeführt werden, man uns jedoch vermutlich keinen Zutritt gewähren wird. In dem Raum befänden sich einige weitere Kreaturen, Kytonen und solche die es gerne wären. Die beiden zeigen sich in weiten Teilen kooperativ, doch verweigern in manchen Fällen die Antwort. „Verrat unter Kytonen ist die abscheulichste Form des Betrugs. Eure Fragen beantworten kann ich nur, solange mich das nicht das Leben kostet.“ Drohungen übergehen die Kytonen unbeeindruckt. „Es ist der Interlokutor, den sie fürchten“, meint Sera. „er ist der Operateur. Sie gelten als die besten Mediziner des Multiversums. Aber auch als die grausamsten.“ Der Ostiarius ist offenkundig daran interessiert am Leben zu bleiben und macht uns einen Vorschlag. Er wird dafür sorgen, dass man uns anhören wird. So haben wir die Möglichkeit zu finden, nach was wir suchen.“ Nach anfänglichem Misstrauen stimmen wir schließlich dem Vorschlag des Gefangenen zu.

3. Der Interlokutor
In das große Tor vor uns ist eine kleinere Tür eingelassen. Anstatt zu klopfen beginnt der Ostiarius mit einem kehligen Singsang. Blitzschnell hält Grunda ihm den Rapier an die Kehle, doch er lässt sich davon nicht beeindrucken und Sera beruhigt die Paladina. Es ist kein Zauber, der gewirkt wird. Anscheinend nimmt er auf diese Weise Kontakt mit den Kreaturen hinter der schweren Eisentür auf, denn nach kurzer Zeit wird ein Riegel aufgeschoben und durch den Spalt blickt uns eine bleiche, schwarzhaarige Frau mit glasigem Blick an. Wenn ihrer Stirn nicht kleine dunkle Hörner entspringen würden, hätte man sie für einen Menschen halten können. Wir sehen uns jedoch einer Kytonen-Apostel gegenüber, einer Kreatur, welche nicht als Kyton erschaffen, sondern in einem Prozess unvorstellbarer Qualen zu einem der ihren transformiert wurde. Sie fragt nach unseren Wünschen, schenkt Grunda, die direkt vor ihr steht, ein Lächeln und macht ihr Komplimente. Ihre Freundlichkeit irritiert uns und wieder tritt betretenes Schweigen ein, bis die dröhnende Stimme des Interlokutors durch den in Dunkelheit liegenden Raum schallt. „Ihr habt viele meiner Kinder brutal abgeschlachtet. Nun sprecht, weshalb seid ihr hier?“ Doch auch diese Stimme ist ruhig, in ihr ist kein Schmerz, kein Vorwurf, kein Verlangen nach Rache zu hören. Schließlich ist es Moraven, der das Wort ergreift. „Wir suchen jemanden.“ „Ihr seid auf der Suche nach einer Leiche? Denn nichts anderes könnt ihr hier, in unseren heiligsten Kammern, finden. Also sprecht offen: Wen sucht ihr? Was hofft ihr hier vorzufinden?“ „Wir sind auf der Suche nach einem Freund, Faquarl.“ Offenbar hat der Fürst sich entschieden aus unserer Suche kein Geheimnis mehr zu machen. Nach einem Moment der Stille hören wir erneut die Stimme aus der Halle, ohne die Kreatur erkennen zu können. Nach wie vor blicken wir in das Gesicht der Apostel. „Ich kenne keinen Faquarl. Beschreibt mir wen ihr sucht.“ „Einen Elfen“, wirft Magni ein. „Elfen? Das sind die, mit den langen Ohren, nicht wahr?“ Er scheint die Bewohner Golarions nicht sonderlich gut zu kennen. Somit beschreiben wir ihm Faquarl. Seine schwarzen Haare, der dunkle Teint, sein Mantel und sein Stab. Doch erst als Layra das fehlende Fingerglied an seiner rechten Hand erwähnt, erinnert er sich. Unsere Befürchtungen werden bestätigt: Faquarl ist tot. Hinter dieser Tür befindet sich lediglich sein Leichnam. Grunda will das nicht glauben und fordert einen Beweis. „Zeigt ihn uns! Ich glaube euch erst, wenn ich in seine Augen sehe!“ Es vergehen einige lange Minuten, in denen metallische Wägen über den Steinfußboden geschoben werden. Die Geräusche sind kaum auszuhalten und wir zucken bei jedem Ton erneut zusammen, während die Apostel uns ungerührt begutachtet. Dann ist das Schmatzen von Fleisch zu hören und lange, dürre Klauen erscheinen hinter dem Spalt. An einem bluttriefendem Faden baumelt ein Augapfel, in dessen Mitte sich eine stechend grüne Iris befindet.

Ich bin geschockt. Die weite Reise, die Gefahren, all das umsonst? Doch Magni und Grunda reden auf mich ein. Vater Grigori könne Faquarl sofort nach unserer Rückkehr wiederbeleben. Sie sind sich sicher, dass er zurückkommen wird. Unsere Mission ist an dieser Stelle somit nicht gescheitert. Wir verlangen, dass das Tor geöffnet und Faquarls Leiche uns ausgehändigt wird, doch dazu scheint der Interlokutor nicht bereit zu sein. Erst als Moraven droht seine zwei „Kinder“ in unserer Gefangenschaft abzuschlachten, lenkt er ein. Sie scheinen ihm etwas zu bedeuten und er ist offenbar darauf bedacht den Schaden, welchen wir in seinen Hallen anrichten, zu begrenzen. „Ich werde die Tür nun öffnen, doch ihr werdet ein weiteres Mal enttäuscht werden. Euer toter Freund kann auch mit der mächtigsten Magie nicht zurück ins Leben geholt werden, denn seine Seele befindet sich in Gefangenschaft.“ Noch während wir diese Information verdauen, werden einige weitere Riegel quietschend beiseitegeschoben und die Tür schwingt auf.

Vor uns steht Fahrograz, der Interlokutor. Grau-schwarze Haut überspannt den sehnigen Oberkörper, welcher nur durch einen Metallsockel mit dem Unterleib verbunden zu sein scheint. Dort wo die Arme hätten sein sollen sind nur zwei Stümpfe zu sehen, doch aus dem Rücken entspringen viele weitere Gliedmaßen. Einige, mit Klauen besetzte Hände umgeben die Kreatur und sind ständig in Bewegung, als wären es eigenständige Wesen. Dieser Arm, ist das nicht mein Arm? Erschrocken weiche ich zurück und als ich ein weiteres Mal hinsehe ist die Täuschung verflogen. Drei Klingen stecken in seinem Schädel und sofort fällt mir das Wakizashi Faquarls ins Auge. Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie er diesem Scheusal mit seinem Schwert in einem Zweikampf den Kopf durchbohrt hat, doch muss mir eingestehen, dass der Magier vermutlich nicht einmal versucht hat gegen diese Wesen zu bestehen. Geschweige denn mit einem Schwert. Dann sehe ich ihn. Er ist auf einem metallischen Tisch aufgebahrt. Der Brustkorb wird von chirurgischem Besteck, Klemmen und Schrauben offengehalten. Sein noch intaktes Auge ist geschlossen, das andere wurde lieblos in zurück in die Augenhöhle gesteckt. Der nackte Körper ist mit verkrustetem, dunkeln Blut befleckt. Die Bahre hingegen glänzt wie eine frisch geschmiedete Klinge. Bis auf die offensichtlichen Verletzungen scheint der Leichnam intakt zu sein. Man hat ihm keine Gliedmaßen amputiert oder fremde hinzugefügt. Ich halte den Atem an und trete näher.

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„Was habt ihr mit ihm angestellt?“ Erschüttert neige ich mich über den toten Freund und ein Schrei entfährt mir. „Das Herz! Ihr habt ihm das Herz entnommen!“ „Sein Herz und seine Seele“, bestätigt der Interlokutor ohne jegliche Regung. Ich fauche ihn an, werfe einen Blick nach rechts und links, bereit mich gemeinsam mit meinen Gefährten auf das kaltblütig mordende Ungeheuer zu stürzen. Doch offenkundig sind meine Freunde nicht auf Rache aus. Sie hoffen auf Antworten. Warum hat er Faquarl operiert? Was ist mit seinem Herzen geschehen? Doch wie alle Kreaturen in dieser verdammten Stadt, wittert auch er ein vorteilhaftes Tauschgeschäft. „Ich gebe euch seinen Körper und sage euch wo sich sein Herz befindet. Im Gegenzug nehme ich eine Seele von euch.“ Das hört sich in meinen Ohren nach einem fairen Geschäft an. Er sagt uns was er weiß und danach reißen wir ihn in Fetzen, wie schon den fetten Ayngavhaul. Doch wir müssen feststellen, dass wir es diesmal nicht mit Teufeln zu tun haben. Diese Kreatur wird keinen Vertrag aufsetzen, welcher mit seinem Tode erlischt. Er wird in einer rituellen Operation das Herz mitsamt der Seele des Tauschpartners entfernen und diesem ein zweites, künstliches Organ einpflanzen. Die Person wird daraufhin noch immer sie selbst sein und auch das Herz wird ihr gute Dienste leisten, wenn man den Ausführungen des Operateurs Glauben schenken will. Und nicht nur das: Vermutlich entfacht das fremde Organ sogar einige Kräfte in ihrem neuen Besitzer, Kräfte eines Schattenwesens, wie es die Kytonen sind. Doch sobald die Person stirbt geht dessen Seele in den Besitz des Interlokutors über. Ist die Operation erst einmal vollzogen, gibt es kein Zurück mehr.

Betretenes Schweigen stellt sich nach der Schilderung Fahrograz‘ ein. Es vergeht eine Minute, dann eine zweite und schließlich macht Eskel einen beherzten Schritt nach vorn. Interessiert blickt der Interlokutor auf den Freiwilligen herab. „Ich erkläre mich bereit. Erzählt uns was ihr über den Aufenthaltsort von Faquarls Seele wisst und nehmt meine zum Tausch.“ Wir reden auf den Freund ein, vergewissern uns, ob er sich der Tragweite dieser Entscheidung bewusst sei. Doch Eskel ist entschlossen. Er sieht keinen anderen Weg, wenn wir weiterhin auf eine Rettung hoffen wollen. „Außerdem: Wann kann man schon darauf hoffen die Mächte der Schattenebene zu empfangen?“

Als Teil der Abmachung erfahren wir, dass Fahrograz bereits vor einiger Zeit viel Geld geboten bekommen hat, um Faquarls Herz mitsamt der Seele zu entnehmen. Als Faquarl schließlich in den Tempel des Vevelor gebracht wurde, führte der Interlokutor die rituelle Operation durch. Nur die mächtigsten und geschicktesten Kytonen seinen in der Lage derartige Eingriffe vorzunehmen. Unser Freund ist erst auf dem Operationstisch gestorben, doch er wurde anscheinend nicht gefoltert oder über das nötige Maß hinaus verstümmelt. Daraufhin wurde die im Herz gefangene Seele der Auftraggeberin übergeben, der Kunstsammlerin Ovide. Sera zieht beim Klang des Namens die Luft geräuschvoll zwischen den Zähnen ein. Ovide, so erfahren wir, ist eine weithin bekannte Persönlichkeit in Dis. Sie unterhält mit ihrer Lebensgefährtin Etna eine Kunstgalerie. Um sie ranken sich obskure Gerüchte, was wohl an ihrer Vorliebe liegt stehts in Rätseln zu sprechen. Auch Fahrograz kennt ihre Motive nicht. Wir wollen wissen, wie wir Faquarl wieder zurück ins Leben holen können, wenn es uns gelingt Ovide ausfindig zu machen und das Herz zurückerlangen. Das erste Mal meine ich Überraschung in den verzerrten Gesichtszügen des Kytonen wahrzunehmen. Er gibt uns zu verstehen, dass er nicht mit einem Erfolg rechnet. Doch wenn er das Organ in Händen hält, so ist er auch in der Lage es wieder seinem ursprünglichen Besitzer einzupflanzen, mitsamt der Seele. Erst dann kann Faquarl mit den entsprechenden Zaubern wiederbelebt werden, doch das steht nicht in seiner Macht. Er betont jedoch, dass dies nicht Teil der Abmachung war.

Ich fauche ihn an. Verschlagene Wesen, drehen einem jedes Wort im Munde herum. „Diese zwei hier“, ich deute auf die noch immer in Handschellen liegende Apocrisiarius und den Ostiarius, „waren ebenso nicht Teil unserer Abmachung. Wir haben lediglich die Seele geboten. Deshalb nehme ich an, dass Ihr nichts dagegen habt …“ Ich hebe meinen Streitflegel über die Köpfe der Gefangenen. „Ich sehe ihr wisst, wie hier gespielt wird. Dann soll es so sein.“ Doch diesmal machen wir nicht denselben Fehler und fordern zusätzlich, dass Faquarl sein Auge wiedereingesetzt wird. Mit einem Wink ordert der Interlokutor einen Sakristan herbei. Bevor wir uns abwenden können, wird Faquarls Augenhöhle weit aufspannt und der Augapfel mit geschickten Bewegungen eingesetzt. Innerhalb kürzester Zeit werden Muskeln und Nerven wieder miteinander verbunden. Das Ergebnis ist beeindruckend und doch grotesk. Ein Auge geschlossen, das zweite ist blutunterlaufen und starrt in absonderlichem Winkel ins Nichts.

Dann ist die Reihe an Eskel. Wieder betretene Stille. Nun wird auch er etwas bleich. Ein jeder wünscht ihm Glück. Ich umarme ihn und verspreche während der Operation nicht von seiner Seite zu weichen. Dann legt Eskel sein Schicksal in die vielen Hände des Kytonen. Er klettert auf den kalten Operationstisch und blickt in das entstellte Gesicht des Vertragspartners. „Ich werde nun mein Bewusstsein verlieren und erst erwachen, wenn die Operation abgeschlossen wurde.“ Im nächsten Moment schließt er die Augen und seine Muskeln erschlaffen. Der Interlokutor wirft einen fragenden Blick in unsere Richtung, doch auch wir sind überrascht von den Fähigkeiten des Alchemisten. „Ihr seid tatsächlich absonderliche Wesen“, murmelt der Kyton und zückt ein chromglänzendes Skalpell.

Die Operation dauert viele Stunden. Ich versuche den flinken Händen zu folgen, doch irgendwann verschwimmen die Bewegungen vor meinen Augen. Obwohl Eskel nicht zuckt und keinen Laut von sich gibt, ertrage ich das Prozedere kaum. Schnitte werden gezogen, Haut abgeschält, Muskeln beiseitegelegt, der Brustkorb mit einem Knacken geöffnet. Präzise arbeitet Fahrograz sich Millimeter für Millimeter vor.  Kein falscher Schnitt, kein Zittern, keine Spur von Ermüdung. Der Interlokutor arbeitet präziser als eine Maschine. Andere Kytonen wuseln um den Tisch, wirken Zauber, um Blutungen zu stillen oder gehen dem Operateur anderweitig zur Hand. Dann hält er das schlagende Herz tatsächlich in Händen. Man hat mich angewiesen die Operation nicht zu unterbrechen, doch ich kann ein erschauderndes Keuchen nicht unterdrücken. Mir wird schlecht, ich muss mich abwenden. Das ist auch für mich zu viel. Der Sakristan eilt herbei, in seinen Händen ein schwarz-roter Wulst. Das künstliche Herz. Es pulsiert bereits, aber der Rhythmus ist unregelmäßig. Es wird in den weit geöffneten Brustkorb eingesetzt. Arterien und Venen zusammengenäht, Muskelgewebe instandgesetzt, Nerven miteinander verbunden. Dieser Vorgang wiederholt sich viele hundert Mal. Nach einer schier endlosen Zeit ist das Herz verpflanzt. Die Brust ist rasch verschlossen und die Wunde mit einer makellosen Naht vernäht. Als der letzte Stich getan ist, schlägt Eskel die Augen auf.

Er hat höllische Schmerzen, ist jedoch bei Sinnen. Schnell ist klar: Es ist Eskel, unser alter Freund mit neuem Herzen. Er kann sich an alles erinnern. Wie es sich anfühlt, will ich wissen. „Wie ein Fremdkörper, der unabhängig von mir schlägt. Ich spüre jedes Pulsieren und auch das Blut, was durch meinen Körper rauscht.“ Das würde sich mit der Zeit legen, versichert der Interlokutor, welcher stolz auf sein Werk blickt. Es scheint als wäre ihm tatsächlich etwas an Eskels Wohlergehen gelegen zu sein. „Nun tragt ihr eines unserer Herzen in euch. Ihr werdet diese Verbindung zur Schattenebene noch zu schätzen wissen. Aber in Dunkelheit seid ihr noch immer blind. Das ließe sich schnell ändern. Ihr habt gesehen, ein Auge ist schnell verpflanzt. In diesem Fall könnt ihr sogar eure eigenen behalten.“ Eskel ist überrascht von dem Angebot des Kytonen. Selten werden an solchen Orten Geschenke gemacht. Ohne Bedenkzeit in Anspruch zu nehmen, willigt er kurzentschlossen ein und versetzt sich abermals in einen komatösen Zustand. Eine Apparatur hält die Augenhöhlen offen, während der Interlokutor mit langen Nadeln im Auge herumfischt. Linsen werden eingesetzt. Mittlerweile bin ich eine teilnahmslose Beobachterin. Was ich sehe erschreckt mich nicht mehr. Es wirkt nicht wirklich, wie der Traum eines Fremden. Als Eskel ein zweites Mal zu sich kommt, sieht er zunächst verschwommen, aber bereits nach wenigen Augenblicken ist er hellauf begeistert. Die Dunkelheit behindert seine Sicht nicht mehr. Auch verspürt er keine Kälte in diesen eisigen Räumen. „Lasst mich euch etwas demonstrieren.“ Noch bevor ich mich versehe, hat der Fahrograz den Alchemisten am Handgelenkt gepackt. Ich sehe ein Beil aufblitzen und stoße einen erstickten Schrei aus. Die glänzende Schärfe fährt herab. Ich stehe wie angewurzelt da und kann nur dabei zusehen, wie er die Hand sauber abtrennt. Eskel starrt ungläubig abwechselnd auf den Stumpf und in das Gesicht des Interlokutors. Dieser lässt die Waffe sinken. „Seht genau hin.“ Blut spritzt, doch binnen weniger Sekunden verschließt sich die Wunde. Unter der sich neu gebildeten Haut bewegt sich etwas. Allmählich entwächst dem Stumpf ein zunächst unförmiger Klumpen, doch schon bald lassen sich fünf kleine Finger erkennen. Wortlos bestaune ich das Schauspiel. Die Hand, sie wächst einfach nach. Ungläubig greift die neue Hand nach der abgetrennten. Es ist kein Unterschied zu erkennen. Der Kyton gibt Eskel noch einen Rat mit auf den Weg, bevor wir den Operationssaal verlassen. „Hütet euch vor Silber. Wie ihr bereits herausgefunden habt, unterbinden Verletzungen mit solchen Waffen unsere Fähigkeiten.“

Zweiundvierzigste Sitzung am Sonntag, den 28. Oktober 2018 in Frankfurt (Falkstraße).
Mit Tobi, Miles, Dominik, Lucas, Toni, Ilka und mir.

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