Sie sind nicht verbunden. Loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich

#40 (1) Krabbe und Eber (29. Erastus bis 4. Arodus, 4712 AZ)

Nach unten  Nachricht [Seite 1 von 1]

Eine Erzählung von Faquarl

1. Die Rückkehr des Fürsten
Die ersten Gäste treffen bereits eine Woche vor dem großen Fest ein. Jede der großen Adelsfamilien hat einen ganzen Hof im Schlepptau und so tummeln sich bald Knappen, Mägde, Stallburschen und Soldaten aus dem ganzen Reich in der kleinen Stadt. Von Tag zu Tag werden es mehr und ich mache mir ernsthaft Sorgen, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind. Viel Geld wurde in die Hand genommen, was zu Protest seitens des Fürsten führte, doch nun wird deutlich, dass es nicht weniger hätte sein dürfen. Der beschauliche Ort am Fuße des Hauerwassers ist nicht wieder zu erkennen. Überall wurden Unterkünfte errichtet, die Straßen sind so sauber wie noch nie, die Häuser rausgeputzt, mit Blumen geschmückt und den Bewohnern ist die Vorfreude auf Fest und Besucher anzusehen. Jede eintreffende Kutsche wird bereits vor den Stadttoren von einer Traube schaulustiger Kinder in Empfang genommen.

Svetlana und Kevil sind mir in diesen Tagen eine unschätzbar wertvolle Hilfe. Kevil fängt einen Großteil der an mich gerichteten Anfragen ab und Svetlana koordiniert die Arbeiten rund um das Fest mit großem Geschick und hat dabei stets ein Lächeln auf den Lippen, während ich wie ein gehetzter Hund von einer Verpflichtung zur nächsten eile. Weshalb musste Layra auch ausgerechnet so wenige Tage vor der Hochzeit nach Grollegshain aufbrechen? Aufgrund eines Briefes, welchen ich nach erstmaligem überfliegen als schlechten Scherz und nach dem zweiten Lesen als nicht minder schlechten Versuch wertete, sie in einen Hinterhalt zu locken. Ein unbekannter Absender forderte Layra auf nach einem Geheimnis nahe Grollegshain zu suchen. Der Name der kleinen Ortschaft ist weithin bekannt, denn das Dorf, welches im Umland Restovs liegt, beliefert Wirtshäuser in ganz Brevoy mit überaus günstigem, jedoch keineswegs zu empfehlendem Wein, welcher dort gepantscht wird. Auch Anton Kuhlwein lagert einige Fässer von jenem im „Eber“. Um dem Schreiben die letzte Glaubwürdigkeit zu nehmen, wird sie von dem anonymen Verfasser aufgefordert dort nach einer Dame namens Zora Rogarwia zu suchen. Auch das Siegel des Briefes trug das Wappen des alten Herrscherhauses, einen zweiköpfigen Drachen. Da alle Mitglieder der Familie Rogarwia im Jahre 4699 A. Z. spurlos auf bisher ungeklärte Weise verschwunden sind und seither verschollen blieben, darf dieses Unterfangen wohl als aussichtslos eingeschätzt werden. Die Erwähnung der ehemaligen Herrscher Brevoys hatte jedoch auf Layra und insbesondere auch auf Moraven eine gänzlich andere Wirkung. Ihre Neugierde war entfacht, was mochte dies für ein Geheimnis sein von welchem der Unbekannte hier sprach? Nun, ich muss zugeben, dass auch mein Herz schneller schlug, als ich mit den Fingern über den Drachen aus rotem Wachs strich. Was mochte dies zu bedeuten haben? Umgehend wollten sie aufbrechen und waren davon nicht abzubringen. Ein wenig kann ich Layras Übermut nachvollziehen. Es muss schrecklich zu sein, die eigene Vergangenheit nicht zu kennen. Wer würde da nicht jeder noch so kleinen Versprechung auf Erkenntnis, auf etwas Licht im undurchdringlich dunklen Nebel, nachgehen? Also teleportierte ich sie, ihren Greifen und den Fürsten nach Restov. Ich rang Moraven das Versprechen ab rechtzeitzeitig, gesund und munter wieder zurück in Narlgaard zu sein. Glücklicherweise konnte ich verhindern, dass sie weitere Ratsmitglieder entführten, welche ich nun um so dringender brauchte. Wie sollte all dies bewerkstelligt werden? Zahlreiche Gäste, hohe Damen und Herren, mussten in Empfang genommen und umsorgt werden. Eine Aufgabe, welche die beiden stets mit außerordentlichem Geschick meisterten. Zwar kann ich mittlerweile den meisten Gesichtern Namen zuordnen und weiß um die Umgangsformen, jedoch wird meine Anwesenheit die Leute weit weniger verzücken als die Layras und keiner kann seine Gesprächspartner so ungezwungen erheitern wie es der Fürst vermag. Nun werden die Gäste mit meinen auswendig gelernten Floskeln vorliebnehmen müssen.

Glücklicherweise kehrt Eskel in diesen Tagen von seiner Suche nach den vermissten Kundschaftern zurück und mit ihm auch Mareen, Mathilda, Elgin und Thuul. Garuum und Ubagub, welche sie ebenfalls begleiteten, bringen wir etwas außerhalb der Stadt nahe des Sees unter und postieren an ihrer Unterkunft einige Soldaten. Ein Boggart und ein Schlurk sind keine Gestalten, welche auf den Straßen unbemerkt bleiben und wir wollen Zusammenstöße vermeiden. Schließlich wird auch ein Gefolge von Baron Hannis Drelew erwartet und wir hörten von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Drelews Männern und Boggartstämmen im Hakenzungensumpf. Die Neuigkeiten, welche Eskel zu berichten hat, sind jedoch ein großer Schock für uns alle.

Bericht Mareens (muss noch verlinkt werden)

Erwil Pendrot wird bei seiner Ankunft in Narlgaard umgehend von den Vorfällen unterrichtet. Er macht sich große Vorwürfe, waren die Kundschafter doch auf seinem Geheiß hin dort. Wir drücken ihm unser tiefstes Bedauern aus. Auch versprechen wir den Machenschaften der Urdefhane so bald wie möglich nachzugehen und beschließen die Vorfälle und das weitere Vorgehen nach der Hochzeit umgehend zu planen. Als ich Frau Herbstflügel in den darauffolgenden Tagen treffe, teilt sie mir mit, dass er sich bestürzt auf sein Zimmer zurückgezogen habe. Leider fehlt mir die Zeit, um ihn aufzusuchen.

Nur vier Tage vor der Hochzeit ereilt mich die Nachricht, dass Finnvarra am Himmel über Narlgaard gesichtet wurde und auf der Hirschfeste gelandet sei. Mich hatte die Befürchtung geplagt, sie könnten es nicht rechtzeitig zurückschaffen, doch nun macht mein Herz einen Satz. Ich mache mich auf den Weg zur Feste, doch schon auf halbem Wege kommt mir ein Bote entgegen. Layra habe eine Sitzung des Kleines Rates einberufen. Bereits wenige Minuten später sitze ich ihr gegenüber. Eskel, Magni, Grunda und Rahel sind ebenfalls eingetroffen. „Nun, wo bleibt Moraven? Wie ihr wisst bin ich viel beschäftigt zurzeit“, frage ich an Layra gewandt. „Warum hast du uns denn einbestellt, Layra?“, will Grunda wissen, noch bevor sie mir antworten kann. „Habt ihr etwas herausgefunden? Wer ist nun diese Zora?“ Layra schaut in die Runde, atmet einmal tief durch und bittet uns mit belegter Stimme ihr in die Gemächer des Fürsten zu folgen. Sie wirkt angespannt und wir werfen uns irritierte, aber neugierige Blicke zu, als wir ihr folgen. Doch als sie die Tür aufstößt erwartet uns nicht der Fürst, uns das Geheimnis zu offenbaren. Wir schauen Layra erwartungsvoll an, als Rahels etwas auf dem Bett bemerkt. „Was … ist das?“, fragt sie mit zitternder Stimme. Dort scheint jemand unter dem Laken zu liegen. Schweigend tritt die Halb-Elfe an das Bett heran und zieht das weiße Tuch vorsichtig, fast liebevoll beiseite. Zum Vorschein kommt der leichenblasse Moraven, die Augen geschlossen, regungslos daliegend. „Er starb in einem Kampf nahe Grollegshain.“ Einige lange Momente herrscht absolute Stille, bis Layra hinzufügt „Bisher weiß niemand davon, niemand außer …“ Ich blicke Layra irritiert an. „Niemand außer wer?“ „Eine Gehilfin, die uns begleitete. Eine Zwergendame, nicht weiter von Bedeutung“, antwortete sie schnell und bedacht darauf beiläufig zu klingen. Ich gehe nicht weiter darauf ein. Selbstverständlich sollte die Nachricht vom Tod des Fürsten erst einmal nicht nach draußen dringen. Jedoch sind das nun unsere geringeren Sorgen. Jetzt müssen wir entscheiden, was zu tun ist. Grunda scheint die Antwort bereits zu kennen, denn sie ergreibt bestimmt das Wort. „Ich werde Vater Grigori sofort aufsuchen. Er wird sich sofort darum kümmern.“ Wir halten die übereilige Paladina zurück, um die Situation in Ruhe zu beratschlagen. Haben wir irgendwelche Anhaltspunkte für Moravens Wunsch, hat er sich vor seinem Tode zu einem solchen Szenario geäußert? Des Öfteren sprachen wir darüber, jedoch hielt sich der Fürst mit eindeutigen Aussagen stets zurück. Vermutungen werden geäußert, Moraven würde eine Rückkehr wollen. Jedoch scheint es mir, dass diese nicht gänzlich von eigenen Wünschen befreit sind, unseren Freund wieder in unserer Mitte lachen und scherzen zu sehen. Auch ich wünsche mir dies und nichts anderes. Doch habe ich die vielen Schriften nicht vergessen, welche von den Qualen der Erweckung berichteten und so halte ich mich in der nun folgenden Diskussion im Hintergrund und lasse Grunda und Magni von ihren Erfahrungen berichten. Beide betonen, dass sie aus freien Stücken wiedergekehrt sind. Eben dies bewegt uns nach einigem nachsinnen dazu, es versuchen zu wollen und Grundas anfänglichen Plan zu verfolgen.



Doch am Abadar-Tempel erwartet uns ein weiterer Rückschlag. Bruder Jeremias teilt uns mit, dass Vater Grigori nicht zugegen ist und erst am Tage der Hochzeit wiederkehren wird. Er scheint keine Möglichkeit zu haben, den Abadar-Priester auf magische Weise zu kontaktieren, was uns zu einer weiteren Reise zwingt. In aller Kürze unterrichte ich Layra über die Ereignisse der letzten Tage und bitte sie dringliche Geschäfte in meiner Abwesenheit zu erledigen. Nachdem ich zwei Zauber vorbereitet habe, mache ich mich auf den Weg zurück in Moravens Gemächer. Dort erwarten Grunda und Eskel mich bereits. Ich teleportiere uns nach Neu Stedven, wo wir auch schnell einen Shelyn-Tempel ausfindig machen können, dessen Priester uns schnell weiterhelfen. Zu häufig habe ich einer solchen Prozedur bereits beigewohnt, jedoch unterscheiden sich die Rituale um den Zauber erheblich von denen im Abadar-Tempel Narlgaards oder bei den Zwergen, welche Torag verehrten. Der Priester, gehüllt in farbenfrohe Roben, welche dem Anlass völlig unangemessen scheinen, wäscht den Körper des Fürsten, schmückt sein Haar mit Blumen und trägt mit großem Geschick Malereien auf seiner Brust auf. Er beginnt den Zauber zu wirken, welcher unseren Freund wieder ins Reich der Sterblichen führen soll. Ich benötige einen Moment um zu bemerken, dass sein Gesang Teil des Zaubers ist und nicht bloß begleitendes Beiwerk. Als seine Stimme schließlich verstummt schrecke ich aus den Tagträumen hoch, in welche mich die Melodien versetzt haben. Die Anspannung kehrt zurück. Hat sich unser Freund dazu entschlossen zu uns zurück zu kehren, oder wird er im Reich der Toten verbleiben? Es vergehen viele Sekunden, vielleicht sogar Minuten, das lässt sich schwer abschätzen, in welchen ich Grunda unruhig murmeln höre „Komm schon, komm schon“ und Eskel nervös mit seinem Stiefel auf der Stelle tritt. Dann meine ich eine Regung in den Fingern zu erkennen und im nächsten Moment schlägt Moraven seine Augen auf.

Er ist erstaunlich ruhig und lässt sich von uns erklären, wo wir uns befinden. Grunda will ihm auf die Sprünge helfen, hatte sie doch jedes Mal nach ihrer Erweckung kurzzeitig Probleme sich an die Stunden vor ihrem Tode zu erinnern. „Ihr habt euch mit Layra auf die Suche nach einem Geheimnis begeben, welches sie betrifft. Der Brief! Moraven, kannst du dich an den Brief erinnern?“ Moraven nickt schweigend, während sie fortfährt. Doch schon bald muss sie feststellen, dass Layra in ihren Erzählungen zur Todesursache des Barden vage blieb. „Ihr habt gekämpft, gegen Goblins und Oger, wie ich hörte und dann …“, nach kurzem entsinnen fragt sie nachdenklich. „Moraven, was ist dann geschehen?“ Er schweigt, scheint mit Gedanken abzuschweifen, bis er schließlich mit den Schultern zuckt und sich unbeholfen auf seine wackligen Beine stellt. „Ich kann es euch nicht sagen, so genau erinnere ich mich nicht“, entgegnet er fast beiläufig als wolle er das Thema wechseln. Eskels Blick nach zu urteilen, kauft auch er ihm diese Geschichte nicht ab. Doch unser Fürst scheint ernsthaft geschwächt zu sein, seine Wangen sind eingefallen und auch sein Verstand ist getrübt, denn er verlangt eine Bardenakademie in Neu Stedven aufzusuchen. Eskel, Grunda und ich werfen uns verwunderte Blicke zu und ich erinnere ihn an das bevorstehende Fest, all die Aufgaben, welche auf uns warten. „Das Fest, ja das Fest. Ohne Zweifel wird man mich brauchen, aber wo ich schon einmal hier bin, muss ich doch einen wichtigen Besuch tätigen.“ Anfangs noch mit Nachsicht, dann mit immer größer werdendem Unmut, versuche ich ihn davon abzubringen. Doch er will nichts davon wissen, lässt unsere Fragen nach dem Zweck dieses Besuches aber unbeantwortet. Einerseits seien es „dringliche Geschäfte“, andererseits „nicht der Rede wert“. Als er schließlich sehr gereizt auf mein Drängen reagiert lassen wir ihn schließlich kopfschüttend ziehen. Binnen einer Stunde, so verspricht er, will er zurück sein. Fast drei Stunden müssen wir auf seine Rückkehr warten. Bestürzt über den Tod unseres Fürsten und voller Ungewissheit über den Ausgang des mächtigen Wiedererweckungs-Rituals waren wir angereist, doch mittlerweile sind wir über sein benehmen sehr verärgert. Unsere erbosten Nachfragen ignoriert er, bis wir es schließlich aufgeben etwas über seine Motive in Erfahrung zu bringen. Ob er schlicht erschöpft ist oder uns keine detaillierte Auskunft geben will, lässt sich schwer einschätzen. Lediglich erwähnt er, dass er sich für Meisterstücke interessiere und deshalb eine alte Dozentin aufgesucht habe.

Bericht Layras? (muss noch verlinkt werden)

2. Falsches Spiel unter Freunden
Glücklicherweise hat Layra in meiner Abwesenheit einige Gäste in Empfang nehmen können. Kurt Eidinger und Loy Rezbin kamen mit einigen Bewohnern aus Dornbrück und Rezbinnen an. In den kommenden Tagen treffen auch die anderen Volksvertreterinnen und Volksvertreter Leiv Pargo, Tania Kuklova und Thedie Gurbag mit vielen Bürgerinnen und Bürgern aus ganz Rivien ein. Die Lodowkas haben mit unzähligen Kutschen den weiten Weg aus dem hohen Norden bis in den Grüngürtel auf sich genommen. Oleg hat eine Ladung Mondrettichschnaps im Gepäck, vom Elchtempel aus reisen Djod Kavken und Akiros Ismort an und unser Botschafter aus Restov, Konrad Grum’Khul, ist ebenfalls zugegen. Neben vielen bekannten Persönlichkeiten der Häuser Brevoys sind auch Fürst Kevan Mannig und Rickert von Hohenschwur angereist. Perliwash flattert munter im Gewusel umher und sorgt dabei für allerlei Chaos. Zum Glück hat er das Wildschwein Berta nicht mitgebracht. Als ich ihn frage, ob auch Ava bereits anwesend ist, versichert er mir sie schon des Öfteren gesehen zu haben, ich kann sie jedoch nicht entdecken. Besonders freue ich mich nach vielen Jahren meinen Bruder Fäolin wieder in die Arme zu schließen. Zwar ist es für Elfen nichts Ungewöhnliches einige Jahre oder gar Jahrzehnte keinen Kontakt zu haben, schließlich ist die Lebensspanne unseres Volkes nicht so bedauerlich kurz wie die der meisten anderen Kreaturen. Jedoch haben sich die Lebensumstände von uns beiden seit er den heimatlichen Gronziwald verließ grundlegend verändert, weshalb ich mich freue ihm meine neue Heimat und die Freunde vorzustellen, welche ich seither getroffen habe. Ebenso bin ich gespannt darauf, was er zu berichten weiß.

Tagebucheintrag: 1. Arodus 4712 A. Z. (muss noch verlinkt werden)



Hocherfreut bin ich auch über das Erscheinen Jomani Surtowas. In der letzten Zeit hörten wir einige Gerüchte, welche unsere Freundschaft in Frage stellten, doch seinen Besuch deute ich als ein gutes Zeichen. Er ist in wertvolle Gewänder gehüllt, wirkt nicht mehr blass und kränklich wie bei seinem letzten Besuch, ganz im Gegenteil. Erhobenen Hauptes und mit strahlendem Lächeln begrüßt er Moraven, Layra und mich. Wir schlendern über die Terrasse der Hirschfeste und lassen den Blick über das geschäftige Narlgaard, die Hügel der Kamelande und den See schweifen. „Einen wirklich schönen Fleck Land habt ihr hier gewählt. Faszinierend wie schnell Narlgaard wächst. Noch nie habe ich eine Stadt so rasch gedeihen sehen. Es gab viel Zweifel, ob man Kontrolle haben könne, über dieses raue Land. Und doch: was hier entsteht beeindruckt mich. Schade, dass ich kein Teil mehr davon bin.“ Auch ich finde wohlwollende Worte und betone dabei unsere Verbundenheit, trotz des wenigen Kontakts in naher Vergangenheit. Nachdem einige Floskeln ausgetauscht wurden sprechen wir die Streitigkeiten zwischen ihm und Kevil an. Jedoch geben wir nicht Preis, dass wir vom Auftrag an seinen Neffen in Kenntnis sind, welcher Kevil befahl Informationen von höchster Ebene an das Haus Orlowski weiterzuleiten. Ich lege ein gutes Wort den Berater des Fürsten ein und betone, dass er die von ihm zugeteilte Aufgabe zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt, woraufhin Jomani uns verspricht während seines Aufenthalts ein Gespräch mit seinem Neffen zu führen. Gemeinsam schwelgen wir in Erinnerungen an die gemeinsamen Anfänge, wobei wir die rauen Töne zu Beginn etwas verklären. Sein Zorn auf die Aldori, welche er als „Halunken“ und „südländische Gauner“ beschimpft, ist hingegen nicht verblasst. Doch scheint er nach seiner Abberufung als Oberbürgermeister von Restov andere Wege zu bestreiten, welche den Ärger auf Noleski und die Schwertjunker zwar nicht vergessen machen, ihn aber zu erfüllen scheinen. Dabei macht er merkwürdige Andeutungen, sagt er sei untergetaucht. Wir betonen das Bemühen uns auf dem diplomatischen Parkett keine Fehltritte zu erlauben, sprechen unser Bündnis mit den Lodowka und die daraus resultierenden Probleme mit den Orlowski an. „Auf der einen Seite findet man neue Freunde, auf der anderen Seite macht man sich dadurch Feinde“, kommentiert Jomani unsere Abschweifungen. So kommen wir auf unsere Sorgen über die Gerüchte von Waffenlieferungen zu sprechen, in welche Jomani angeblich verwickelt sei. Er ist überrascht, gesteht aber ein, dass er solche Lieferungen in die Wege leitet, indem er Militärgerät, angefertigt von den Zwergen der Goluschkinberge, vom Hause Garess kauft, um diese an die Orlowskis weiter zu verkaufen. Da dies unter der Hand geschieht, findet offiziell kein Warentransfer zwischen den Zwergen oder den Garess und dem Hause Orlowski statt, alles läuft über Jomani Surtowa. Die Orlowskis wiederum verkaufen einen Teil der Waffen weiter in das weit südlich gelegene Taldor. Moraven betont, dass er aufgrund dieser Vorgänge sehr besorgt ist. Zudem ist uns zu Ohren gekommen in der Stadt Mivon in den Flusskönigreichen Söldner rekrutiert werden. Jomani hingegen versucht zu beschwichtigen. Das Aufrüsten sei an der Tagesordnung. Er bittet uns jedoch eindringlich diese Informationen streng geheim zu halten. Nicht einmal der König wisse davon. Wir versichern ihm, dass dies ein gut gehütetes Geheimnis ist und bleiben wird. Jomani scheint in diesem Spiel, soviel glauben wir ihm, rein wirtschaftliche Interessen zu verfolgen und nicht aus politischen Überlegungen heraus zu handeln. Auch nennt er uns einen Namen, Kai Radov, welchen wir zu den Vorgängen befragen könnten. Einerseits bin ich froh, dass er unsere Bedenken, er handele gegen uns, zerstreuen konnte. Andererseits bleibt ein bitterer Beigeschmack. Aus rein egoistischen Motiven hilft er den Orlowskis in ihrem Kampf gegen die Lodowkas und somit auch gegen mich. Insbesondere in letzter Zeit wurde der Konflikt zwischen den beiden Familien zunehmend blutiger ausgetragen. Es kam zu Anschlägen und kleineren Scharmützeln in den umstrittenen Grenzgebieten. Auch machen wir uns Sorgen um Elgins Vater, den Schmied in Hohengraben, welcher über diese zwielichtigen Geschäfte informierte. Deshalb informieren wir Elgin nach dem Gespräch und vereinbaren, dass er den Schmied nach Narlgaard bringt.

Tagebucheintrag: 2. Arodus 4712 A. Z. (muss noch verlinkt werden)



3. Krabbe und Eber
Am Morgen des 4. Arodus, dem Tag des großen Fests, dem Tag, an welchem die erste Ehe des Hauses von Riva geschlossen wird und sich dieses mit dem Hause Lodowka vereint, stehe ich in aller Frühe auf. Ich bin nervös. In Gedanken versuche ich den Tagesablauf durchzuspielen, meine Ansprachen, die Begegnungen mit den vielen Würdenträgern im Voraus zu planen, doch kapituliere bereits nach wenigen Augenblicken. Beim Gedanken an den Tanz mit Mina vor den vielen Personen wird mir schwindelig. Wir haben viel geübt, Moraven hat die Musik für uns eingespielt und wir haben keine schlechte Figur abgegeben. Zumindest sagte man uns das.

Am frühen Nachmittag ist es dann soweit. Ich treffe Mina etwas abseits der Stadt in Begleitung ihrer Familie. Zum ersten Mal sehe ich sie in ihrem ausladenden Kleid, im Haar ein aus dunkelblauen und weißen Blumen geflochtener Kranz. Die Blumen heben das Blau ihrer Augen noch deutlicher hervor. Ihre jüngeren Cousins tollen um sie herum und Kozek gratuliert mir scherzend. „Du hast Geschmack bewiesen, wenn schon nicht bei der Wahl deiner Kleider, dafür umso mehr bei der Wahl deiner Liebsten.“ „Nun auch da muss ich dich enttäuschen. Nicht ich war es, der eine Wahl getroffen hat“, entgegne ich mit einem Lächeln auf den Lippen, aber ohne ironischen Unterton. Denn wir beide wissen, dass dies der Wahrheit an nächsten kommt. Hätte nicht sie diesen wunderbaren Brief geschrieben, so wäre es womöglich nicht zu einer zweiten Begegnung gekommen.



Als sich Minas Familie auf den Weg in die Stadt macht, bleiben wir zu zweit am Ufer des Hauerwasser zurück, auch Shae ist nicht in der Nähe. Wir machen einen kurzen Spaziergang, genießen noch einmal die Ruhe vor dem Sturm. Doch es dauert nicht lang bis Finnvarra uns gefunden hat und mit einem Kopfnicken zu verstehen gibt, dass es an der Zeit ist. Es hat zwar etwas Überredungsgeschick gebraucht bis Layra schließlich zustimmte und nun dürfen wir beide auf dem Rücken des prächtigen Greifens in die Stadt fliegen. Mina hat Finnvarra bereits kennengelernt, doch trotzdem kann ich spüren, dass sie etwas ängstlich ist. Als wir schließlich auf seinem Rücken sitzen, er sich kräftig abstößt und in die Lüfte schwingt, wird angesichts der Höhe und Geschwindigkeit auch mir etwas mulmig zumute. Doch das ist schnell verfolgen und so können wir einige Minuten die Aussicht über den Grüngürtel genießen. Unter uns der Hauerwasser und im Norden Narlgaard. Mit kräftigen Schlägen hält der Greif nun auf die Stadt zu und dreht über dieser eine große Runde, bevor er noch einmal majestätisch über den See gleitet und zum Landeanflug ansetzt.

Am Ufer werden wir von unseren Trauzeugen bereits erwartet. Auf Mina wartet ihr Vater Fürst Kozek Lodowka und auf mich wartet Eskel von Riva und ein mir bekannter Adler. Zuerst begrüße ich meinen Schwiegervater, dann umarme ich Eskel und schließlich schließe ich auch den Vogel in die Arme. „Ava! Es freut mich außerordentlich, dass du gekommen bist.“ Fürst Kozek scheint bereits informiert worden zu sein, denn er reagiert weit weniger irritiert auf diese Begrüßung, als ich es erwartet hätte. Anschließend geht es los in Richtung der Hirschfeste. Mina und ich gehen voran, hinter uns unsere Trauzeugen und zum Schluss, alle überragend, Finnvarra. Unser Weg führt uns auf Umwegen durch die Stadt, damit viele Besucher die Möglichkeit haben am Wegrand einen Blick auf das Brautpaar zu werfen. Als wir die Stadttore erreichen bin ich überwältigt von der Anzahl der Schaulustigen. Es wird gejubelt und Blumen fliegen durch die Luft. Es ist offensichtlich, dass insbesondere Mina die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger auf sich zieht. Auch Finnvarra scheint die ehrfürchtigen Blicke derer zu genießen, welchen ihn bisher nur aus der Ferne gesehen haben. Für einen plötzlichen Aufschrei sorgt Ava, als sie sich knapp über dem Boden fliegend verwandelt und geschickt auf ihren kurzen Beinen landet. Anstatt sich an die Rangfolge zu halten, tanzt sie andauernd aus der Reihe und verteilt ab und an kleine Dinge an die Kinder, vermutlich Süßigkeiten. Ich muss über dieses Schauspiel lachen und werde dadurch etwas entspannter, da sie die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mina stupst mich sachte an, strahlt über das ganze Gesicht und animiert mich es ihr gleich zu tun und den freundlichen Zurufen durch Winken zu begegnen. Mit einem kleinen Zaubertrick lasse ich für den Rest des Weges bunte Funken aus meinen Fingerspitzen sprühen, wenn ich zum Gruß ansetze. Schließlich erreichen wir die Hirschfeste und damit den Ort des offiziellen Festakts. Während die Feierlichkeiten in Narlgaard nun beginnen, wird Djod und in der großen Halle trauen.

Ich erblicke viele bekannte Gesichter, doch ab und an muss Mina, welche schon Zeit ihres Lebens in diesen Kreisen verkehrt, mir unauffällig einige Namen zuflüstern. „Diese beiden? Das sind Franziska, Saskia und Thomas Medwjed. Fürst Gurev sitzt gleich dort hinten.“ Fürst Howlan Garess ist nicht anwesend, dafür jedoch sein Zwergenmündel Toval Golkar und der Offizier Hartwig Garess, Onkel von Kesten. Aus dem Hause Surtowa ist nur Jomani anwesend. König Noleski Surtowa und Königin Elanna sind nicht erschienen und haben auch keine Nachricht überbringen lassen. Der Bruder der Königin und zukünftige Fürst Lander Lebeda ist in Begleitung von Tamara Grubner erschienen. Seine Mutter Saronna, welche den Titel bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes verwaltet, ist leider nicht zu sehen. Außerdem gekommen sind Lea Ianucci, die Schwertherrin und Bürgermeisterin Restovs, der Ritter Rickert von Hohenschwur und Fürst Kevan Mannig. Michael Granoff ist ferngeblieben, sein Erscheinen hätte mich jedoch auch erstaunt, denn mit dem Tode Turalyns ist die Verbindung zu ihm und der Front der Zivilisation eingeschlafen. Suchend lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, doch ich kann Baron Hannis Drelew nicht finden. Mich überrascht das Fehlen des Barons, bin ich doch, angesichts zunehmender Kontakte in jüngster Vergangenheit davon ausgegangen, dass er sich nicht die Gelegenheit würde nehmen lassen. Offenkundig habe ich die Signale des mürrischen und bisweilen aufbrausenden Mannes falsch gedeutet. Doch habe ich in diesem Moment weder die Muße, noch Lust mir über das Erscheinen und Fehlen von hohen Würdenträgern den Kopf zu zerbrechen und schenke den Anwesenden und insbesondere Mina meine Aufmerksamkeit. Bis ich besorgt bemerke, dass auch Perliwash es geschafft hat sich unter die geladenen Gäste zu mischen und sich nicht die Gelegenheit für einige Späße nehmen lässt. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie Oleg Lea Ianucci ein Kompliment für ihre außergewöhnliche Haarfarbe macht. Verwundert stellt die Schwertherrin fest, dass ihre Haare giftgrün sind, doch als sie den Feendrachen zu fassen bekommt, nimmt sie dies mit Humor und tadelt ihn wohlwollend. Trotzdem bitte ich Shae ihn im Auge zu behalten und gegebenenfalls einzuschreiten.

Moraven betritt das Rednerpult, woraufhin die Gäste ihre Plätze einnehmen. Mit einer kurzweiligen Rede begrüßt er alle Anwesenden, insbesondere die vielen Besucher der Lodowkas und sorgt mit seinen Anspielungen und kurzen Anekdoten für den einen oder anderen Lacher. Daraufhin werden Mina und ich nach vorne geführt und unsere Trauzeugen kommen zu Wort. Ava gibt Mina einige Tipps, wie sie meinen schwierigen Charakter in den Griff bekommt. Diese weiß die Worte richtig einzuordnen und kann darüber schmunzeln, einige der Gäste sind jedoch sichtlich irritiert angesichts der ungewöhnlichen Ansprache. Fürst Kozek fasst sich kurz, seine Worte sind schlicht, aber ergreifend und am Ende rührt er das gesamte Publikum, als ihm einige Freudentränen über die Wange laufen. Doch dann überrascht der Fürst alle Anwesenden, mit einem großzügigen Hochzeitsgeschenk. „Wir sind, das ist bekannt, seit jeher eine Seefahrerfamilie. Da du Faquarl nun auch Teil unserer Familie bist sehe ich mich gezwungen, um den Ruf unserer Familie zu wahren, auch dich zum Seefahrer zu machen. Ihr habt zwar nur zwei Tümpel vor euren Toren, doch das wird nicht als Ausrede akzeptiert werden. Deshalb werden wir dir und der Stadt einen Hafen schenken.“ Erstaunen breitet sich aus in den Gesichtern aller Anwesenden und Moraven kann sein Grinsen nicht verbergen. „Einen Hafen?“, murmelt Magni verblüfft in seinen Bart.



Schließlich ist Eskel an der Reihe, beglückwünscht uns beide und betont die Freundschaft als das vereinende Element unseres Hauses. „Wie auch das Band der Freundschaft zwischen uns zwei so verschiedenen Persönlichkeiten mit der Zeit immer stärker wurde, so knüpfen wir, das Haus Riva, mit der Familie Lodowka ein weiteres Band. Wir freuen uns dich Mina und deine Familie hier bei uns willkommen zu heißen und danken für die offenen Arme, die uns im Norden in Empfang nahmen. Mögen auch wir ab sofort in Freundschaft geeint sein.“ Als der Applaus abgeklungen ist, hebt er aber noch ein weiteres Mal an. In der Erwartung nun mit Mina zum Traualtar zu schreiten, bin ich bereits aufgestanden, doch setze mich wieder. „Bevor unsere Häuser nun auch offiziell vereint werden, wollen wir alle anwesenden Gäste über die glücklichen Umstände informieren, die zu diesen freudigen Ereignissen geführt haben.“

Noch bevor Eskel geendet hat, tragen einige Männer eine große Trennwand auf die Bühne. Magische Lichter werfen je einen Kegel auf beide Seiten und einige Schauspieler betreten die Bühne. Mina schaut mich fragend an, doch ich blicke hilflos zurück. Auch ich war in die Planung dieses Programmpunktes nicht eingeweiht. Schnell wird deutlich: Auf der einen Seite wird das Leben der Prinzessin Mina Lodowka nachgestellt, auf der anderen mein eigenes. Auf der rechten Seite, der Seite von Mina, geschieht anfangs nicht viel. In einer Szene wird angedeutet, wie sich zwei ältere Personen kennenlernen. Währenddessen sieht man zur Linken Faquarl, gespielt von einem Elfen, wie er im Gronziwald herumstreunt und mit einem Bogen Jagd auf Wildschweine macht. Die Kostüme und Darstellungen sind stark überzeichnet, was zur allgemeinen Erheiterung beiträgt. Faquarl lernt eine unglaublich hässliche Vettel kennen – in diesem Moment bin ich dankbar dafür, dass es mir nicht gelungen ist Ismera ausfindig zu machen – und es kommt zu einem mit derben Worten ausgetragenen Streit zwischen ihr und Faquarls Schwester. Aus der lauten Menge kann ich an dieser Stelle das Gelächter meines Bruders heraushören. Gleichzeitig vollziehen auf der anderen Seite die beiden älteren Herrschaften den Geschlechtsakt. Kozek lacht darüber und über die Darstellung seiner selbst am lautesten und scheint großen Spaß an der Vorstellung zu haben. Auch ich lehne mich zurück und verfolge das Geschehen mit zunehmender Erheiterung. Der Faquarl auf der Bühne streift noch einige Zeit alleine herum, bis er schließlich von in feuerrot gekleideten Surtowas, Jomani wird von einem kleinen dicken Gnom verkörpert, in den Grüngürtel geschickt wird. Dann kommt es zu einer dramatischen Todesszene, in welcher Faquarl Xin, einen seiner besten Freunde, im Kampf gegen einen Bären verliert. Auf der anderen Seite des Theaterstücks lernt mittlerweile die kleine Mina auf der Harfe zu spielen. Die Schauspielerin wurde mit einem Zauber verkleinert, um das Kindesalter zu visualisieren. Im Verlauf des Stückes spielt Perliwash auf beiden Seiten gleich mehrere Rollen. Das Ganze mündet schließlich in dem Abend, an welchem wir uns kennenlernten. Faquarl hält einen gewaltigen Folianten im Arm, sodass der Schauspieler kaum noch zu sehen ist und betritt die andere Seite der Bühne, auf welcher ein Ball veranstaltet wird. Dort spricht er Mina an und fragt sie, ob dieser Foliant, auf welchem eine Fratze abgebildet ist über der in großen Lettern das Wort „GEFÄHRLICH“ prangt, denn gefährlich sei. Mina Lodowka reagiert entsetzt und weist ihn an ihr zu folgen. Höhere Instanzen müssen eingeschaltet werden, um den Untergang dieser und aller folgenden Welten abzuwenden. Sie stürmt hinaus, auf die andere Seite der Bühne, und Faquarl folgt ihr überstürzt. Dort bricht sie und weite Teile des Publikums, welche diese Anekdote noch nicht kennen, in schallendes Gelächter aus. In diesem Moment muss ich schmunzeln und meine Gedanken gleiten kurz ab zu dem Folianten, welcher auf einer anderen Existenzebene gut verwahrt ist. Die Darstellung des Artefakts trifft es doch sehr gut. An dieser Stelle endet das Theaterstück und die Schauspieler werden mit Applaus überschüttet.

Im Anschluss betreten zwei bis drei Dutzend Sängerinnen und Sänger die Bühne. Auf der Brust tragen sie zu meiner Verwunderung ein Wappen der Stadt Pitax. Der kleine Chor ist ausgesprochen unterhaltsam. Bevor sie die Bühne wieder verlassen ruft der Dirigent ins Publikum: „Auf Narlgaard! Viele Grüße von Baron Hannis Drelew.“ Nun scheine nicht nur ich, sondern auch alle anderen überrascht und kurz verliere ich den Faden. Als ich merke, dass die Blicke auf mir ruhen, stehe ich etwas zu hastig auf und laufe nach vorne. Ich bedanke mich bei allen Künstlern, insbesondere hebe ich die detailgetreue Darstellung meines bisherigen Lebenslaufes hervor und verspreche Fürst Kozek bei meiner ersten Fahrt über den Hauerwasser nicht über Bord zu gehen. Dann ist es soweit, Djod bittet die Trauzeugen nach vorne. Er spricht von den wohlwollenden Göttern, von Hoffnung und Liebe und seine Stimme wird von Minute zu Minute sicherer und lauter. Dann vollzieht er das Trauungsritual.



Wir schütteln unzählige Hände und nehmen Gratulationen, Glückwünsche und Hochzeitsgeschenke entgegen. Magni überreicht Mina eine kleine Schatulle, in welcher sich ein Armreif befindet. „Im Namen der Rivas überreiche ich euch dieses Schmuckstück. Erkennt ihr die Blumen? Es sind … was war es noch gleich? Heidelbeere …“, er kommt ins Grübeln und auch ich werfe einen Blick auf den Armreif. „Zweifelsfrei handelt es sich bei den Pflanzen um Akazie, Hundsgift und Heidelbeere.“ „Richtig, das war es!“, erinnert sich der Zwerg. „Nun sie haben eine Bedeutung.“ Mit gedämpfter und beschwörender Stimme fährt er fort. „Sie stehen für Täuschung, Verrat und Lüge.“ Mina blickt ihn irritiert an und er ergänzt hastig. „Keine Angst Prinzessin, nicht wir sind es, welche euch hintergehen wollen. Aber nach dem was geschah ist Vorsicht geboten.“ Er wirft ihr einen vielsagenden Blick zu. „Ihr solltet ihn stehts anlegen, denn er schützt euch. Es wird euch leichter fallen Täuscher zu durchschauen und eure Widersacher werden es schwerer haben euch zu verzaubern. Aber mal ganz davon abgesehen, er steht euch ausgezeichnet. Allein das sollte Grund genug sein ihn zu tragen. Ich habe ihn ausgesucht, sind die Edelsteine nicht wunderbar?“ Liebevoll blickt der Zwerg die Saphire an und er hat wirklich eine gute Wahl getroffen, denn das Blau der Steine findet sich in ihren Augen wieder. Mina überschüttet den Zwergen und die anderen, welche zu diesem Geschenk beigetragen haben, mit Dank für dieses hübsche und zugleich nützliche Geschenk und legt den Armreif sogleich an.


Dann tritt Fürst Moraven Tolo von Riva auf das Rednerpult. Er wirkt vital und gut gelaunt doch sind mir seine müden Blicke und die gebeugte Haltung in den Momenten, in welchen er nicht im Mittelpunkt stand, nicht entgangen. Einige Illusionszauber können vermutlich die Gäste über seine aktuelle Verfassung hinwegtäuschen, doch ich bin mir sicher, dass er noch schwer mitgenommen ist. Trotzdem strahlt er eine sympathische Erhabenheit aus und rasch wird es ruhig im Saal. Mit seiner Laute in der Hand bittet er Mina und mich zum ersten Tanz. Ich wirke einen Zauber und nehme sie bei der Hand. Diese ist schwitzig, beide sind wir nervös. Dann spielt der Fürst das Lied an. Im ersten Moment kann ich nicht ausmachen was es ist, was mich irritiert, doch schnell bemerke ich: Das Instrument erzeugt die Töne einer Harfe. Aber er spielt das uns bekannte Lied und so beginnen wir mit dem Tanz. Die magische Energie der Bardenmusik erfasst und beflügelt Mina. Der nervöse Blick auf die Füße weicht einem selbstbewussten Lächeln. Nach einigen Augenblicken lösen wir uns von der Tanzfläche, schwingen uns in die Luft. Ein Raunen geht durch die Menge.


Als unser Tanz endet und wir wieder den Boden unter unseren Füßen spüren, wird die Fläche für alle eröffnet. Moraven lässt es sich nicht nehmen an diesem Abend viele Stücke selbst, in Begleitung einiger anderer Musiker zu spielen, was dazu führt, dass die Tanzfläche gut gefüllt ist. Wenn die Gäste nicht tanzen, fallen sie über die gigantische Hochzeitstorte her, welche Mathilda gebacken hat. Ein solches Fest bietet selbstverständlich auch die Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen oder bestehende zu erneuern. Obwohl ich viel beschäftigt bin, bekomme ich doch so einiges mit, da Shae mich auf dem Laufenden hält. Sie macht sich nicht viel aus den Festlichkeiten und wird von dem Großteil der Gäste wohl für eine einfache Katze gehalten. Unauffällig streift sie zwischen den Gästen umher und lauscht den Unterhaltungen. Layra und Grunda nutzen die Gelegenheit, um mit dem jungen Lander Lebeda und Tamara Grubner ins Gespräch zu kommen. Wir sind bemüht um ein gutes Verhältnis zu den dem Hause Lebeda, denn es ist sowohl wohlhabend, als auch einflussreich und gute Verbindungen zu ihnen könnten sich im Konflikt zwischen den Lodowkas und Orlowskis als nützlich erweisen. In naher Zukunft wollen wir Handelsbeziehungen mit ihnen aufnehmen. Garuum steht unterdessen etwas hilflos abseits der vielen Gäste und wird von einigen misstrauisch beäugt, bis Moraven ihn zu sich holt und ihn in ein Gespräch mit Oleg verwickelt. Es dauert einen Augenblick, bis der Händler seine Scheu ablegt, doch schließlich scheinen die zwei sich gut zu verstehen. Swetlana beobachtet dies aus sicherer Entfernung und scheint nicht wohl beim Anblick des Boggarts. Plötzlich steht ein breitschultriger Mann vor unserem Fürsten. Er überragt Moraven um fast zwei Kopflängen. „Wir haben uns noch nicht kennengelernt. Fürst Gurev Medwjed.“ Er nimmt die Hand des Barden und der hat alle Mühe dem Händedruck standzuhalten. „Freut mich ja, dass wir das endlich mal schaffen. Es scheint als wäre euer Haus tatsächlich ein Anwärter darauf zu einem der unseren zu werden. Ich dachte, es wird Zeit mich vorzustellen, da kommt diese Hochzeit gerade recht. Dies hier ist meine Tochter Saskia und er hier“, er ruft nach dem Mann mit langem rotem Haar, „ist mein Sohn Thomas. Und nicht zu vergessen: Meine Nichte Franziska.“ Sofort steht Moraven umringt von den beiden Frauen, während sich Thomas im Hintergrund hält. Offenkundig war es in erster Linie nicht Gurevs Anliegen sich selbst mit Moraven bekannt zu machen, sondern ihm Tochter und Nichte vorzustellen. Die drei unterhalten sich ein wenig miteinander, doch Moraven scheint das Werben der Frauen entweder nicht zu bemerken oder es absichtlich zu übersehen. Vielleicht ist er aber auch schlicht von seinen Auftritten, den Reden und Gesprächen ermüdet. Saskia und Franziska sind schüchtern und zurückhaltend, doch schließlich fasst letztere sich Mut. „Sagt Fürst Moraven, tanzt ihr gerne?“ „Auf jeden Fall. Es ist eine Schande, dass ihr mich fragen müsst.“, entgegnet er etwas erstaunt.


Fürst Gurev Medwjed, Saskia Medwjed (Tochter), Franziska Medwjed (Nichte), Thomas Medwjed (Sohn)

Auch Layra wird derweil von Gästen umgarnt. Ein schüchterner junger Mann, auf dessen Schulter eine schneeweiße Eule sitzt, hat sich zu ihr gesellt. „Layra … verzeiht, Frau von Riva … nun, ich bin den ganzen Weg aus … aus Nivaktaksbrück angereist.“ Er ist sichtlich unsicher und stottert ein wenig. „Ich habe gehört ihr seid die … die einzige Frau in Bevoy, die einzige Frau deren Schönheit es mit … mit Elanna Lebeda aufnehmen kann.“ Layra errötet ein wenig, doch weil sie nichts erwidert fährt er fort. „Ich habe die Königin noch nicht gesehen, doch … doch ich bin überzeugt diese Gerüchte entspringen der Wahrheit.“ Er macht einen vornehmen Knicks. „Ich bin erfreut … hoch erfreut eure Bekanntschaft zu machen. Ich bin … mein Name ist Dajus Rotlind“ Eine Weile steht er betreten da und niemand unterbricht die unangenehme Stille. Dann bittet auch er um einen Tanz. Seine Worte wirken dabei wie auswendiggelernt. „Nichts im Leben würde mich glücklicher machen, als einmal mit euch das Tanzparkett zu betreten.“ Als er dies über die Lippen gebracht hat, atmet er schwer aus und schaut die Halb-Elfe mit großen Augen erwartungsvoll an. Layra zögert einen Moment zu lange. Ablehnung ist es sicherlich nicht, vermutlich ist ihr das Tanzen wegen ihres versehrten Beines unangenehm. Doch auch sie nimmt die Einladung an und sofort beginnen die Leute zu tuscheln. „Kennt den jemand?“ und „Wer ist der Bursche?“, höre ich sie im vorübergehen sagen, während sie die beiden beobachten. Layra gibt keine schlechte Figur ab, belässt es aber bei diesem einen Tanz.



Bartolomäus Pfote, welcher sich prächtig amüsiert, hat derweil einen Trank zu sich genommen, welcher ihn hat anwachsen lassen und so tanzt er auf Augenhöhe mit der kleinen Ava. Kozek lässt keine Gelegenheit aus, zieht erst Rahel und schließlich auch Svetlana aufs Pakett. Wirklich herausragend sind Mina und Moraven. Sie bewegen sich geschickt zwischen all den anderen Paaren hindurch und übertreffen dabei den Tanz von uns beiden bei Weitem. Zu Magnis Verblüffung wird auch er aufgefordert und wenig später fegt er mit Mathilda über die Tanzfläche. Ich muss schmunzeln. Welch bizarre Gestalten sich hier hinter Illusionszaubern und Verwandlungen verbergen: Dunkelzwerg, Fee und Werwolf. Ganz zu schweigen von Bartholomäus, dem anthropomorphen Kater und dem Boggart Garuum.

So vergehen die Stunden mit Konversation, Tanz, Speis und Trank. Es ist spät, die Nacht schon weit fortgeschritten, als die Gäste gebeten werden sich auf der obersten Etage der Hirschfeste, unter dem Sternenhimmel zu versammeln. Zum Abschluss des Festes soll es ein großes Feuerwerk geben und hier oben können sie die beste Aussicht genießen. Eskel bestaunt das prächtige, farbenfrohe Spektakel und bemerkt die Frau nicht, welche direkt hinter ihm steht. „Eskel von Riva?“, er fährt herum und blickt in ein unauffälliges Gesicht: dunkle Augen, braunes Haar. Sie ist schlicht gekleidet. Er kann sich nicht daran erinnern sie bis zum heutigen Tage einmal gesehen zu haben, aber auf dem Fest hat er sie bemerkt und für eine der vielen Dienerin eines Adelshauses gehalten. „Ihr seid Grenzer, nicht wahr?“ Schweigend erwidert er ihren Blick, antwortet nicht. „Ich bin froh eure Bekanntschaft zu machen.“, fährt sie schließlich fort. „Lasst uns das Feuerwerk ansehen.“ Das Spektakel dauert einige Minuten und wird von einer meiner mächtigen Flammenfontänen gekrönt, welche ich in sicherer Höhe über der Stadt zünde. Zuletzt erzeuge ich das Bild einer Krabbe und eines Ebers, den Wappentieren der Häuser Lodowka und Riva, welche sich vor dem Magierturm, unserem neuen Heim, symbolisch in einem Wappen vereinen. Langsam verblasst das Bild und als es verschwunden ist, sieht Eskel sich um. Doch die Frau ist verschwunden.





Teil eins der vierzigsten Sitzung am Mittwoch, den 15. August 2018 in Frankfurt.
Mit Tobi, Dominik, Lucas, Miles, Toni und mir.

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben  Nachricht [Seite 1 von 1]

Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten