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#44 Was ist Transzendenz? (9. Arodus, 4712 AZ)

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Eine Erzählung von Mareen

1. Die Wächterin der Galerie
Banges Warten. Wir starren in die Dunkelheit und erwarten das Geräusch, was uns verkündet, dass Grunda in den Styx gestürzt ist. Die Zeit dehnt sich. Nachdem Sera uns ein Zeichen gab still zu sein, wagt es keiner mehr zu sprechen. Es gibt nichts mehr zu sagen. Zu hören ist allein das Geräusch von tausenden kleinen Wassertröpfchen, welche leise vom Gefieder Finnvarras in den schwarzen Fluss regnen.

Erst ist es bloß ein Schatten, dann sehen wir den Nebelschleier. Zögerlich gleitet Grunda auf uns zu. Wir halten die Luft an, bis sie den Bug erreicht hat. Neun Augenpaare sind auf sie gerichtet. Es vergehen wenige Sekunden, bis sich Grunda materialisiert. Der Nebel wird zu Fleisch, der Geist wird zu Grunda und unsere Anspannung weicht Erleichterung. Grundas traurige Augen blicken auf die zusammengekauerte Layra herab. Arme schließen sich um die Paladina und selbst der sonst so nüchternen Sera rinnen Freudentränen über das Gesicht. Doch unser Glück und alle aufmunternden Worte scheinen an ihr abzuperlen.

Nuseas Stimme holt uns zurück in die Gegenwart. „Wir sollten nicht länger warten. Sofort aufbrechen. Die Sirenen könnten jeden Augenblick zurückkommen.“ Unsere Blicke richten sich in die Ferne. Was anfangs nur ein fernes Leuchten war, ist nun als ein Gebäude mit mächtigen Mauern zu erkennen. „Die Galerie“, murmelt Nusea, „Sie ist nicht mehr weit. Dillion ist dort. Ich spüre es. Er ist dort.“ Nachdem auch Eskel eingesehen hat, dass die Boote nach wie vor der sicherste Weg sind, an den Felsen am Ufer entlang zu klettern birgt noch größere Risiken und im Falle eines weiteren Hinterhalts wären wir dort nicht in der Lage uns zu verteidigen, ergreife ich das Ruder. Der Fürst ist von der Entscheidung unsere Reise fortzusetzen überrumpelt. Im Chaos wurden einige Stimmen laut, welche forderten die Rettung nun abzubrechen und umzukehren. Doch eine Aufgabe kommt nicht in Frage! Ich lege mich in die Riemen und Eskel steigt in die rhythmischen Bewegungen mit ein.

Zu der Spur, welche Nuseas Boot in den Styx zeichnet, gesellt sich nun auch die unsere. Achtsam schauen wir uns um. Die Gefahr, die von dem stillen Wasser, das an unserem Boot leckt, ausgeht, scheint uns erst jetzt bewusst geworden zu sein. Umhänge werden über die Köpfe geworfen und einige kauern sich wie verängstigte Kinder zusammen. Gekrümmte, verhüllte Gestalten rudern schweigend auf dem Styx, der Kunstsammlung entgegen. Nur ab und an hört man ein erschrockenes Stöhnen und Zischen, wenn beim Eintauchen der Ruderblätter etwas Wasser aufspritzt.

In regelmäßigen Abständen schaue ich mich um. Zügig nähern wir uns dem Ziel. Immer deutlicher sind die Konturen des Bauwerks zu erkennen. Doch das Leuchten geht nicht vom Gebäude selbst aus. Wie ein Berg steht es inmitten eines Lavasees, der von dem Styx umspült wird. Rotes, flüssiges Gestein steigt aus der Tiefe empor. An den zerklüfteten Rändern des Sees, wo die Lava auf das schwarze Wasser trifft, steigen Dampfschwaden empor. Das Gebäude ist umgeben von einer weiten Fläche ausgehärteter Lava. Zielsicher steuert Nusea ihr kleines Boot auf eine Stelle zu, die weniger aktiv zu sein scheint. Hier ist das Gestein erkaltet und fest. Sie winkt uns heran. „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Dillion wartet.“ Geschwind springt sie aus ihrem Boot und bindet es an. Zögerlich klettere auch ich auf den Felsen. Es dauert ein wenig, bis alle das schwankende Boot verlassen haben und auf dem trügerischen Untergrund stehen. Hie und da tun sich kleine Risse auf und flüssiges Gestein tritt brodelnd an die Oberfläche.

Layras Augen stehen weit offen. Nichts als Angst starrt heraus. Der Fluss, die Lava, das Gebäude, sogar vor sich selbst scheint sie sich zu fürchten. Sie begutachtet ihre Rüstung unter den Gewändern und als sie den elegant geschwungenen Stirnreif ertastet, reißt sie ihn sich erschrocken vom Kopf. Finnvarra kauert unterdessen in einiger Entfernung auf dem Boden, uns den Rücken zugewendet. Nur Moraven lässt er an sich herantreten, der immer wieder beruhigend auf den Greifen einredet. Der Fürst versucht ihn und die Halb-Elfe davon zu überzeugen uns zu folgen.

Nachdenklich zerreibt Eskel etwas Asche zwischen seinen Fingern und schaut in die Ferne. Ich folge seinem Blick. Dort steht jemand! Zwischen aufsteigenden Dampfschwaden erhasche ich den Blick auf eine Person mit Speer und Rundschild. Verloren steht sie auf einem Felsen, davor kriecht ein zähfließender Lavastrom dahin. Wir nähern uns und erkennen, dass es sich um eine weibliche Gestalt handelt. Eine Wächterin? Doch was bewacht sie? Einen Eingang können wir nicht erspähen. Tatsächlich scheint die Galerie über gar keinen Eingang zu verfügen. Moraven hebt die Hand zum Gruß. Zur Antwort rammt die Frau das stumpfe Ende ihres Speeres zweimal kräftig in den Boden. Sera macht einen Schritt nach vorne und spricht sie mit infernalischem Klacken an. Dabei blickt sie leicht an der Wächterin vorbei, denn sie ist zu weit entfernt, um diese sehen zu können. Plötzlich erhebt sich ein Dröhnen in meinem Kopf. Neben mir zucken Grunda und Magni zusammen. Layra weicht verunsichert zurück und Finnvarra versteckt sich verängstigt hinter seinen Flügeln. Alle können es hören. Langsam ebbt das Dröhnen ab, doch mit jeder weiteren Frage Seras, sie versucht es in mehr Sprachen, als ich hätte aufzählen können, schwillt es von Neuem an. „Was sagt sie?“, frage ich an Sera gewandt. Moraven schüttelt den Kopf. „Das ist keine Sprache.“ Immer wieder stampft die Frau mit dem Speer auf den Boden und dreht sich kurz um, wendet sich von uns ab. Nusea tritt unsicher von einem Bein auf das andere. „Was passiert hier? Was will sie von uns?“ Sie will uns etwas sagen. Doch was?“ Das vermag niemand von uns zu sagen. Will sie uns zur Umkehr bewegen? Oder sollen wir zu ihr übersetzten? Als ich einige Schritte auf sie zumache wird das Dröhnen lauter, immer lauter, bis ich schließlich gezwungen bin innezuhalten. Grunda kniet nieder, umklammert ihr heiliges Symbol und bewegt leise ihre Lippen. Wieder stampft die Wächterin auf und dreht sich zur Galerie um, wendet sich von uns ab, blickt zurück. Einer inneren Eingebung folgend tue ich es ihr gleich. Ich drehe mich um und blicke zurück. Das Dröhnen erstirbt. Vor mir ein Torbogen aus dunklem Gestein.



Die Wächterin steht reglos auf ihrem Felsen als ich mich noch einmal umdrehe, um ihr mit einer Geste für ihre Hilfe zu danken. Weshalb sie hier steht, um uns den Weg zu weisen? Darauf finden wir keine Antwort. Sollten wir misstrauisch sein? Nun, wir haben den Eingang eingehend untersucht und Alternativen scheint es nicht zu geben. Wieder muss Moraven Überzeugungsarbeit leisten und wieder gelingt es ihm. Layra und Finnvarra folgen in einiger Entfernung, wobei Layra stets Abstand zu ihrem ehemaligen Gefährten hält. Treppenstufen führen hinab und diffuses Licht dringt durch den Nebel, der in der Tiefe hängt und jegliche Sicht versperrt. Wir halten die Luft an und treten durch den mit Ornamenten verzierten Bogen.

2. Die ewige Treppe
Ich setze einen Fuß auf die erste Stufe und drehe mich unwillkürlich zu meinen Gefährten um. Meine Lippen formen Worte und ich höre die mir unbekannte Stimme eines Mannes Stimme aus mir sprechen.



Eine Stimme spricht aus Mareen:
Oh, ihr Herrscher der Unterwelt, gönnet mir, Wahres zu reden, und höret gnädig meine Bitten an! Nicht kam ich herab, von Neugier getrieben, die Höllen zu beschauen, nicht um den dreiköpfigen Hund zu fesseln; ach nein, um der Liebe willen nah ich mich euch. Vom Biss des tückischen Schicksals vergiftet, sank sie in der Jugend Blüte dahin, nur wenige Stunden war sie meines Reiches Stolz und Freude. Sehet, ich wollte es tragen, das unermessliche Leid; lange hab‘ ich gerungen. Aber die Liebe zerbricht mir das Herz, ich kann nicht ohne sie sein. Darum fleh ich zu euch, furchtbare, heilige Götter des Todes! bei diesen grauenvollen Orten, bei der schweigenden Öde eurer Gefilde: Gebt sie mir wieder; lasst sie frei, und schenket ihr das allzu früh verblühte Leben von neuem! Aber kann es nicht sein, o so nehmet auch mich unter die Verlorenen auf, nimmer kehr ich ohne sie zurück.

Endlich erlange ich die Kontrolle über mich zurück und auch die Stimme ist wieder die Meine. Grunda beäugt mich misstrauisch, fast schon feindselig und nachdenklich merkt Sera an. „Denkt daran, was ich euch über die Sahkil und im Speziellen über die Pakalchi sagte. Nichts bereitet ihnen größeres Vergnügen als Freunde und Liebende gegeneinander auszuspielen.“ Wessen Stimme war es, die soeben aus mir sprach? Ich habe einen Verdacht, doch Nusea verneint. „Die Stimme meines Geliebten? Nein, es war nicht Dillion. Seine Stimme, sie ist – sie war – so viel wärmer. Die Erinnerungen verblassen. Ich kann mich kaum noch an sie erinnern.“ Wir drehen die Worte hin und her. Was könnten sie bedeuten? Ist es eine Warnung? Sie liegen mir noch immer auf der Zunge, als hätte ich sie hunderte Male rezitiert. Ein Liebender bittet die Herrscher der Unterwelt, die Götter des Todes ihm seine jung verstorbene Geliebte zurückzugeben. Doch wer hat gesprochen und von wem ist hier die Rede?

Der Schreck steckt mir noch immer in den Knochen, als ich mich ein weiteres Mal unter dem Torbogen hindurch wage. Ich betrete die erste Stufe mit klopfendem Herzen. Diesmal geschieht nichts. Nach einigen vorsichtigen Schritten fällt die Anspannung etwas ab und ich folge meinen Freunden die Stufen hinab. Die Luft ist kühl, kein Luftzug ist zu spüren. Es ist mir nicht möglich alle meine Gefährten zu sehen. An der Spitze des Zuges lässt sich Grundas leuchtender Umhang durch die Nebelschwaden erahnen, einige Meter hinter mir folgt Finnvarra als großer, dunkler Schatten. Stufen und Wände bestehen aus spiegelglatt poliertem, tiefschwarzem Stein. Das Licht scheint davon aufgesaugt zu werden. Zu unserer Rechten befindet sich gar keine Wand. Die Stufen enden jäh und der Nebel versperrt jegliche Sicht. Auch über uns erblicke ich keine Decke, nur undurchdringlichen Dunst. Gedankenverloren krame ich in meinen Taschen und schneide mich fast an dem Metallsplitter, den ich nach dem fürchterlichen Sturm in der endlosen Wüste des Avernus aus meinem Schild zog. Ich lasse ihn in die Tiefe fallen und lausche. Nichts, kein Aufprall. Wie tief es wohl gehen mag? Ich halte mich dicht an der Wand, immer bedacht einen möglichst großen Abgrund zwischen meine Füße und die Kante zu bringen. Plötzlich macht die Treppe einen Knick. In einem neunzig Grad Winkel biegt sie nach rechts ab. Es vergeht etwas Zeit, bis wir eine identische Stelle erreichen. Nun bewegen wir uns in entgegengesetzter Richtung, aber weiterhin hinab. Wir befinden uns in seinem Schacht, an dessen Wänden uns die Treppe in die Tiefe führt.

Wir setzen unsere Prozession fort, doch plötzlich stoße ich fast mit Eskel zusammen, der ohne Vorwarnung stehen bleibt. Er hat Grunda bei der Schulter gepackt und deutet hinab. „Eine Pfütze! Dort unten, seht ihr es?“ Ich kneife meine Augen zusammen. Eskel zeigt auf die Stelle, an welcher die Treppe erneut nach rechts abknickt. Auf dem Absatz befindet sich tatsächlich ein Fleck, mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen. Ich meinte stets besonders gut sehen zu können, insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen, doch seit der Kyton seine Operationen an unserem Freund vorgenommen hat, bewegt Eskel sich sicher durch absolute Finsternis. Ich ziehe die Luft ein. Er mag gute Augen haben, doch meine Nase kann Dinge sehen, die von jedem Auge verborgen bleiben. „Blut“, zische ich. Während meine Freunde stehen bleiben, mache ich einige Schritte auf die Lache zu und schnüffle. Es ist kein frisches Blut, bestimmt einige Tage alt, doch vielleicht kann ich noch herausfinden, von welchem Lebewesen es stammt. Aus der Nähe erkenne ich in großem Umkreis Blutspritzer an den Wänden. Als wäre hier etwas geplatzt. Auf den Stufen, die weiter nach unten führen, ist ebenfalls Blut zu sehen. Das verletzte Wesen ist die Treppe weiter hinab gegangen. Oder etwas ist durch die Blutlache hindurch und hat Spuren hinterlassen. Oder beides. Ich beuge mich hinunter und ein bekannter Geruch steigt mir in die Nase. Das Blut eines Humanoiden. „Mareen!“, Eskels erstaunte Stimme schallt zu mir hinab, „Deine Finger!“ Erschrocken stelle ich fest, dass die Nägel meiner Klauen um gut drei Zentimeter gewachsen sind. Was geht hier vor? Ich verwandle mich in eine Menschenfrau zurück. Zwar sind meine Nägel deutlich kürzer, aber doch sind sie ungewöhnlich lang, als hätte ich sie über Monate nicht geschnitten. „Was ist mit ihren Haaren?“ Magni ist verwundert. Meine Haare? Auch die sind ungewöhnlich lang, bestimmt eine große handbreit länger. Verdutzt begutachte ich die plötzlichen Veränderungen an meinem Körper. Ein Gedanke fährt mir durch den Kopf. „Ich altere!“ Hastig, immer zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend, eile ich wieder zurück zu meinen Freunden. Aus dem Augenwinkel meine ich eine Bewegung im Nebel unter uns wahrzunehmen, doch als ich erneut hinblicke kann ich nichts erkennen. Oben angekommen schaue ich ständig nach meinen Haaren, während ich angestrengt lausche. Doch weder höre ich etwas, noch scheinen meine Haare in Windeseile weiterzuwachsen. Trotzdem begutachte ich erschrocken meine blonde Mähne. Unter normalen Umständen bräuchte es ein Jahr, bis ich so aussehe. So viel Zeit kann in den wenigen Sekunden unmöglich vergangen sein!

Während ich den anderen aufgeregt meine Vermutung mitteile, krame ich in meinem Rucksack, bis ich gefunden habe was ich suche. „Seht her!“ Ich rolle den Apfel die Stufen hinab. Die Frucht verschrumpelt und bleibt verfault in der Blutlache liegen. Es ist eingetreten, was ich vorausgesehen habe und doch bin ich völlig verblüfft. Was nun? Keiner von uns will den Weg fortzusetzen und binnen wenigen Minuten als Greis dahingerafft werden. „Würde er mich noch lieben?“ Höre ich Nusea zu sich selbst flüstern. Grunda rollt demonstrativ mit den Augen. Sie hat die herzzerreißende Geschichte der jungen Frau stets belächelt, verkneift sich diesmal aber einen Kommentar. Wir beratschlagen uns. Was hat es mit dem Blut auf sich? „Wenn –“, beginnt Eskel zögerlich, „eine Frau diese Treppe hinunter geht.“ Gespannt sehen wir in das ernste Gesicht des Alchemisten. „Und wenn diese Frau ein Kind in sich trägt, – dann müsste auch dieses Kind älter werden. Und wenn das Kind auch größer wird, dann –“ Er lässt diese unausgesprochene Vermutung im Raum stehen. Mir wird übel und ich stütze mich an der Wand ab. „Oder dort wurde einfach jemanden abgestochen“, entgegnet Moraven. Wieso das Unwahrscheinliche dem Offensichtlichen vorziehen? Viel entscheidender ist doch: Wie geht es jetzt weiter?“ „Wir sollten umdrehen!“, meint Magni und sofort protestiere ich laut. Das kommt nicht in Frage! „Wer sagt denn, dass sich diese Galerie dort unten befindet und nicht in anderer Richtung?“ Demonstrativ reckt er seinen Finger in die Höhe. „Weil keine Treppen nach oben geführt haben“, entgegne ich genervt. „Wie du siehst führen nun aber Treppen nach oben.“ Er deutet auf die Stufen, welche wir soeben hinabgestiegen sind. Ich bin wütend, was soll dieser Vorschlag? Wir können doch jetzt nicht aufgeben, so kurz vor dem Ziel. Nusea denkt über die Worte des Zwergen nach und scheint ihnen etwas abgewinnen zu können. „Umdrehen war schon einmal eine gute Option. Es hat uns alle gerettet.“ Magni lässt meine Vorwürfe nicht im Raum stehen und schnaubt mich an. „Genau das meine ich! Dieser Ort ist nicht Narlgaard. Wir sind in der Hölle. Hier laufen die Dinge anders, hast du das etwa schon vergessen?“ Einen Moment funkle ich ihn wütend an, doch muss dann eingestehen, dass er Recht hat. Das klingt gar nicht so abwegig. Zumindest ist es einen Versuch wert.

Also machen wir kehrt und steigen herauf, was wir soeben hinabgestiegen sind. Layra lässt sich an der Hand Moravens führen, Finnvarra jedoch kauert sich auf der Treppe zusammen und macht Schritt vor oder zurück. Erst als wir ihn mit etwas Fleisch ködern, trottet er uns hinterher. Unterdessen ist Eskel bereits einige Meter hinaufgestiegen und eine Biegung voraus. Dort hat er eine verblüffende Entdeckung gemacht. Die zuvor glatte Wand wird rauer, je weiter er den Stufen nach oben folgt. Eine leichte Maserung durchzieht die Wand, bis schließlich fein ausgearbeitete Ornamente zu sehen sind. An einer Stelle ist eine Kante im schwarzen Stein erkennbar und jenseits dieser ist die Wand wieder spiegelglatt. Er entzündet seine Öllampe, um das Relief genauer betrachten zu können. Genau in diesem Moment sehen wir zwei Lichtpunkte im Nebel aufleuchten. Einen, dort wo wir unseren Freund vermuten, den anderen unterhalb, wo ich eine Bewegung im Nebel ausgemacht habe. „Ich habe doch gesagt, dort unten ist jemand“, zische ich. Eskel schwenkt seine Laterne in den Nebel. Der Unbekannte unter uns schwenkt in just in diesem Augenblick ebenfalls seine Laterne. Wir können niemanden sehen, zu dicht ist der Nebel, doch der Lichtschein ist unverkennbar. „Habe ich es doch geahnt!“, ruft Magni freudig aus. „Da ist Eskel und dort – ist er auch! Als du sagtest du hättest jemanden gesehen“, fährt er an mich gewandt fort, „da hast du uns gesehen.“ Das will nicht in meinen Kopf. Dort unten befinden sich also Abbilder, Doppelgänger oder Spiegelbilder von uns?

Eskel macht uns auf die veränderte Maserung des Gesteins aufmerksam. Vielleicht hat das etwas zu bedeuten. Grunda geht einige Schritte die Stufen hinauf und fährt mit ihren Fingern an der glatten Wand entlang. „Wenn ich jetzt umkehre, dann müsste ich –“ Sie dreht sich um und steigt wieder einige Stufen hinab. Ihre blonden Harre beginnen vor unseren Augen in die Länge zu sprießen. Sie bleibt stehen und sofort stoppt das Wachstum. Fluchend zückt sie einen Dolch und stutzt sich die Haare, bis diese wieder kurz sind wie eh und je. Noch nie habe ich sie mit langen Haaren gesehen und der behelfsmäßige Schnitt lässt sie etwas wilder wirken. Wenn wir nicht schlagartig einige Lebensjahre einbüßen wollen, können wir nun also nicht mehr zurück, nicht mehr hinab, sondern nur noch hinauf. Magni übernimmt die Führung. Sollte er ein Jahr oder zwei verlieren, so ist das für den Zwergen deutlich besser zu verkraften. Als wir um die nächste Biegung kommen, stoßen wir erneut auf Blut. Eine Spur zieht sich die Treppe hinauf und mündet in einer großen Blutlache auf dem nächsten Absatz. Der verfaulte Apfel liegt darin. Die identische Lache, vor und hinter uns. Wie kann das sein? Wir machen einen großen Schritt darüber und steigen weiter hinauf. Ich muss die Biegungen nicht zählen, um zu bemerken, dass wir längst den Ausgang wieder hätten erreichen müssen. Wir sind gefangen auf dieser ewigen Treppe und bevor wir ihr Ende erreichen sind wir alt und krumm!

Obwohl wir wissen was uns erwarten wird, folgen wir weiter der Treppe hinauf, Biegung um Biegung. Wieder und wieder an der Blutlache vorbei. Es nimmt kein Ende. Schließlich setzt sich Grunda verdrossen auf die Stufen und bleibt dort schwer atmend sitzen. Niemand ermuntert sie weiter zu gehen, wir alle brauchen eine Pause. Das hat keinen Zweck, diese Treppe ist endlos. Doch Umkehren können wir nun auch nicht mehr, denn mit jedem Schritt altern unsere Körper um Wochen oder gar Monate. Verfluchte Hölle! Verfluchte Kunstgalerie! Verfluchte Teufel, Kytonen und Sahkil! Ich hole die Frucht hervor, welche ich in unserer luxuriösen Herberge in Dis eingesteckt habe. Das blutige Fruchtfleisch schmeckt köstlich. Das erste Mal seit seinem Sturz in den Styx nähert sich Finnvarra schüchtern. Ich strecke ihm die Hälfte meiner Mahlzeit entgegen und sofort schnappt er zu. Doch als ich ihm durchs Gefieder streichen will, zieht er sich zurück. Auch seine Krallen sind mittlerweile ungewöhnlich lang und jeder Schritt wird begleitet von deren Kratzen über Stein.

„Was machst du dort Grunda?“, ruft Moraven erschrocken, „Mach keinen Unsinn!“ Die Paladina beugt sich weit über den Abgrund. Leise spricht sie zu sich selbst. „Dort unten ist es, das Licht. Dort sind wir.“, und dann lauter, an Eskel gewandt „Leuchte mal hinunter.“ Als Eskel den Lichtschein seiner Lampe in den Abgrund richtet, scheint ein zweiter Strahl aus der Tiefe zu uns hinauf. „Sehrt ihr das?“, fragt Grunda aufgeregt, „Wie ein auf dem Kopf stehendes Spiegelbild. Das kann nur eines bedeuten.“ Sie schnappt sich ein Seil, drückt es Eskel, Magni und mir in die Hände und beginnt sich abzuseilen. Wir wissen nicht was sie vor hat, doch bleibt uns auch kaum Zeit darüber nachzudenken. Auf den glatten Stufen ist es nicht leicht einen sicheren Halt zu finden und so müssen wir uns weit nach hinten lehnen. Auf den glatten Stufen ist es nicht leicht einen sicheren Halt zu finden. Plötzlich fehlt jedes Gegengewicht. Ich stolpere rückwärts, pralle gegen Eskel und gemeinsam gehen wir zu Boden. „Grunda!“ Moraven springt nach vorne. Weshalb hat sie losgelassen? Dann hören wir sie lachen, ein heiteres, lautes Lachen, direkt unter uns. „Ich hab’s gewusst!“, triumphiert sie. Wir spähen über die Kante und Grunda grinst zu uns hinauf. Sie sitzt auf der Unterseite der Treppe, mit dem Kopf nach unten, ungesichert, als würde sie kopfüber schweben. Sie streckt ihre Hand aus und lässt ein angebissenes Stück Brot fallen. Es fällt nach oben, uns entgegen und verschwindet im Nebel. Nun verstehe ich gar nichts mehr, muss aber von Grundas Heiterkeit angesteckt ebenfalls grinsen. Wagemutig klettere ich ebenfalls hinüber und nach wenigen Augenblicken stehe ich auf der anderen Seite der Treppe. Im ersten Moment habe ich weiche Knie und es fällt mir schwer mich zu orientieren. Aber meine Füße sind fest im Boden verankert. Die Kraft, welches mein Gewicht eben noch nach unten zog, drückt mich nun nach oben. Wobei sie mich eigentlich auch jetzt noch nach unten zieht, nur dass unten eben oben ist. Hier spielt alles verrückt, grundlegende Wahrheiten werden auf den Kopf gestellt. Was ist dies für ein Ort?

Magni muss erst seine Rüstung ablegen, bevor er es wagt auf die andere Seite zu klettern. Noch länger dauert es Layra zu überzeugen, doch auch sie lässt sich schließlich von uns abseilen. Aber was ist mit Finnvarra? Er fliegt im Schacht auf und ab, von rechts nach links, und blickt uns mit weit aufgerissenen Augen an. Wir wollen schon aufgeben, als er der Treppe nah genug kommt und die unerklärliche Kraft ihn erfasst. Krachend stürzt er, den Kopf voran, auf die Stufen, wälzt sich erschrocken auf die Seite und kommt zum Stehen. Mit viel Glück hat er, außer ein paar Schrammen, keine größeren Verletzungen davongetragen.

Soeben war es uns nicht möglich die Treppe hinabzusteigen ohne als Greise zu enden. Wollen wir nun in diese Richtung einschlagen, so müssen wir abermals hinaufsteigen. Tatsächlich scheinen hier dieselben Gesetze zu gelten. Mit jeder Stufe nach unten altern wir, doch hinauf kommen wir unbeschadet. Somit setzen wir unsere Reise in entgegengesetzte Richtung, die Treppe hinauf, fort. Schon nach wenigen Minuten wird das diffuse Leuchten immer heller, bis die Treppe endet und wir aus dem Nebel treten. Der Schacht unter uns wird zu einer von silbrigem Licht erleuchteten Halle. Was eben noch Wand war ist nun der Fußboden, auf dem wir laufen. An der Stirnseite hängt die einzige Lichtquelle, ein gigantischer Kronleuchter, dessen Umfang dem des Schachts entspricht. Die hohen Wände sind lückenlos mit Porträts verschiedenster Kreaturen behangen. Es sind hunderte, nein tausende Abbildungen und die allermeisten Darstellungen sind uns fremd. Nur einige wenige der Wesen meine ich wiederzuerkennen. Ich entdecke das Porträt eines Trolls und die drachenähnlicher Kreaturen. Fasziniert von den Bildern wandern wir die Halle entlang uns begutachten die bizarren Darstellungen. Ob es all diese Kreaturen irgendwo in den Weiten des Multiversums tatsächlich gibt? Ich befürchte fast, das dem so ist. Gerade betrachte ich interessiert die Darstellung eines Humanoiden mit Hundekopf, als Eskel uns aufgeregt zu sich ruft. In seiner Stimme schwingt Beunruhigung mit. Er deutet auf ein Bild, was knapp unter der Decke hängt und als mein Blick darauf fällt, stockt mir der Atem. Das bin ich! Dort ist ein Bild von mir, in menschlicher Gestalt. Wie kann das sein? Woher kennen die Kunstsammlerinnen mich? Und wenn sie ein Bild von mir haben, dann werden sich vermutlich auch die Bilder meiner Freunde hier finden. Nach wenigen Minuten bestätigt sich die Vermutung. Magni entdeckt sein eigenes Porträt, das des Dunkelzwergen, und ist davon wenig erfreut. Wenn sie Bilder von uns in ihrer Galerie haben, werden sie unser Kommen erwarten.



Zuletzt von Jakob am Mo Jan 07, 2019 9:39 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet

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3. Rotblond
Eskel und Moraven halten ebenfalls nach ihren Porträts Ausschau, doch Grunda mahnt uns zur Eile. In der Halle befinden sich vier Türen, zwei auf jeder Seite. Sie sind viele Meter hoch und in ihnen ist jeweils eine kleinere Tür eingelassen. Wie wir schon in Dis beobachtet haben ist man auch hier auf größere Besucher eingestellt. Noch während Sera und Magni die vielen verschiedenen magischen Auren in dem Raum untersuchen, schwingt eine der Türen unerwartet auf. Als wir erschrocken zurückweichen, schallt eine kindlich nuschelnde Stimme aus dem dahinterliegenden Raum. „Jetzt ist aber genug! Ich erwarte euch. Ihr seid ohnehin schon spät!“ Wie immer ist Grunda die erste, welche es wagt über die Schwelle zu treten. Unentschlossen stehen wir vor der geöffneten Tür und wagen uns erst vor, als die Paladina uns mit einem Wink auffordert zu folgen.

Die kuppelförmige Decke wird von Säulen abgestützt und die Regale an den Wänden sind mit bizarren Dingen vollgestopft. Ich kann Schwerter und Helme entdecken, bei einigen anderen Objekten handelt es sich wohl um Kunstgegenstände, aber Vieles kann ich nicht zuordnen. Doch das absonderlichste ist das Wesen, welches vor einem Tisch in der Mitte des Raumes schwebt. Eine große, kugelförmige Kreatur in dessen Zentrum ein kreisrundes Auge sitzt. Der breite, mit langen Zähnen besetzte Mund ist zu einem verschlagenen Grinsen verzogen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie der Kopf eines Zyklopen. Jedoch besitzt die Kreatur nicht lediglich ein Auge. Ihr entspringen viele tentakelartige Fortsätze, an deren Enden sich weitere Augen befinden. Ein Betrachter! Ich versuche die zahlreichen, sich bewegenden Augen zu zählen und komme das erste Mal auf neun und das zweite Mal auf elf. Das zentrale, große Auge ist auf ein mit Wasser gefülltes rundes Glas auf dem Holztisch gerichtet, in dem ein Goldfisch aufgeregt hin und her schwimmt. Als wir näher treten schaut es von seinem kleinen Fisch auf und fixiert uns. Von einem Moment auf den anderen bekomme ich keine Luft mehr. Erschrocken fülle ich meine Lungen, schnappe nach Luft, aber ich scheine nicht atmen zu können. Meinen Freunden geht es nicht anders und Magnis magische Verkleidung ist verschwunden. Neben mir steht der um Luft ringende Dunkelzwerg. Im nächsten Moment schwenkt das Auge wieder zurück und betrachtet weiter sein kleines Haustier. Wir keuchen erleichtert auf und Magni verwandelt sich augenblicklich zurück in seine bevorzugte Gestalt, den blassen, rotbärtigen und etwas schlankeren Zwerg.



Noch immer breit grinsend werden wir begrüßt. „Ich heiße euch herzlich willkommen in der Galerie von Ovide und Etna.“ Der Betrachter nennt uns alle beim Namen. Unsere Befürchtungen scheinen sich damit zu bestätigen. Man kennt und erwartet uns bereits. Neben mir höre meine Gefährten aufgeregt tuscheln. Magni zeigt auf das Glas und Grunda nickt. „Ja, das wird sie sein.“ Merkwürdigerweise interessieren sich meine Freunde mehr für den Goldfisch, als für die vieläugige Kreatur. Der Betrachter scheint über den Mangel an Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird verärgert zu sein. „So lange habe ich gewartet und nun habt ihr nur Augen für meinen Fischi.“ Moraven tritt einen Schritt nach vorne, noch immer den Goldfisch beobachtend. „Ich glaube wir sind ihr schon einmal begegnet.“ Und an den Goldfisch gewandt. „Roswen? Seid Ihr es?“ Der Fisch schwimmt auf und ab und schaut dabei in unsere Richtung. Offenbar versteht er tatsächlich was hier gesprochen wird. Doch dem Betrachter missfällt dies. Er ist eingeschnappt, wie ein trotziges Kind. „Ihr seid nicht gekommen, um euch mit meinem Fischi zu unterhalten. Ich bin es, der hier die Fragen stellt!“ Abermals funkelt uns die große Pupille für einen Moment an und raubt uns den Atem. Er mustert uns aus vielen Augen und bei Layra und Finnvarra angekommen spottet er. „Ihr zwei seid wohl nicht mehr ganz dicht. Ihr werdet kaum behilflich sein können.“ Er schickt sie nach draußen und sie befolgen seine Anweisung ohne Widerworte. Daraufhin lässt der Betrachter ein Pergament und einen Stift in der Luft vor sich schweben und beginnt mit dem Verhör.

„Eskel, sagt mir, wie hießen Eure Eltern?“ Der ist offenbar von dieser Frage überrascht, denn anstatt zu antworten blickt er den Betrachter verdutzt an. Es verstreichen einige Sekunden der Stille, in denen sich Merkwürdiges im Gesicht des Alchemisten abspielt. Anscheinend will er ihm antworten, muss aber angestrengt über die Frage nachdenken. Eskel erwähnte mir gegenüber einmal, dass eine Waise sei. Als er nach einiger Zeit noch immer keine passende Antwort gefunden hat, vielleicht will er schlicht nicht darüber reden, wendet der Betrachter sich Grunda zu. „Welche Person brachte euch in Kontakt mit den Lehren Abadars?“ Auch sie scheint über die Frage nachzudenken zu müssen. Da sie mir noch nie von der Person erzählte, warte auch ich gespannt auf eine Antwort. Wieder vergeht einige Zeit. Die Paladina will mehrmals zu einer Antwort ansetzen, findet aber nicht die passenden Worte. Schließlich blickt sie den Fragenden misstrauisch aus zusammengekniffenen Augen an. Einige seine Augen halten ihrem Blick stand, während andere Magni fixieren. „Dann wollen wir es mal mit Euch versuchen. Wie war der Name eures Großvaters?“ Der Dunkelzwerg räuspert sich. „Mein Großvater hieß – er hieß – Nun, er ist seit vielen Jahren verstorben. Sein Name war –“, doch Magni scheint sich nicht erinnern zu können und darüber auch etwas verärgert zu sein. Womöglich hat er ihn nie kennengelernt. „Mareen, was ist mit euch? Wer war eure erste große Liebe?“ Ich bin über diese Frage doch etwas erstaunt. Was geht ihn das an? Und noch während ich darüber nachdenke, wie ich ihn für die Frage zurechtweisen soll, fällt mir auf, dass ich die Antwort gar nicht kenne. Wer war meine erste Liebe? Ich weiß es nicht! Ich kann mich nicht erinnern! Ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen, mir ein Bild vor Augen zu führen. Ein Gesicht, dem ich dann einen Namen zuordnen kann. Ich durchforste meinen Geist und tappe im Dunklen. Ich versuche mich zusammenreißen, mir meine Aufregung, Nein! mein Entsetzen über die Leere in meinem Kopf, nicht anmerken zu lassen. Das kann nicht sein! Ich muss einfach ruhig bleiben und mich konzentrieren, mich konzentrieren auf – doch da ist rein gar nichts. „Das geht euch nichts an! Weshalb wollt Ihr das wissen?“, fauche ich den Betrachter an, doch der reagiert gelassen. „Oh, das ist nur für‘s Protokoll. Vergesst die Frage.“ Abrupt wird der Betrachter von Magni unterbrochen. „Grendlar Bronzebart! Jetzt erinnere ich mich.“ Ohne sich dem Zwergen zuzuwenden spottet dieser nur. „Ach wirklich? Das habt ihr euch gerade ausgedacht, nicht wahr?“ Bevor Magni protestieren kann, fährt er fort. „Wir werden es mit etwas anderem versuchen. Dafür müsstet Ihr, Moraven, den Raum für einen kurzen Moment verlassen.“ Auch Moraven tut wie ihm geheißen und als er sich nach draußen begibt wird die Fragerei fortgesetzt. Diesmal sind wir alle angesprochen. „Helft mir bitte, welche Haarfarbe hat Moraven noch gleich?“

Das ist nun wirklich eine unsinnige Frage, weshalb ich genervt entgegne. „Ihr habt mehr Augen als wir alle zusammen, konntet Ihr das nicht selbst erkennen?“ Die vielen Augen schauen uns erwartungsvoll an. Um ihn zufrieden zu stellen und dieses Verhör zu beenden will ich ihm antworten. Doch welche Farbe haben Moravens Haare? Ich weiß es nicht. Wieso weiß ich es nicht? Was ist hier los? Was ist mit mir los? Ich schaffe es nicht die aufsteigende Panik niederzuringen. Meine Beine werden weich und meine Klauen fangen an zu zittern. Wieso können wir all diese banalen Fragen nicht beantworten, weshalb können wir uns nicht erinnern? Ich bekomme Angst. Eine Angst, die ich bisher nicht kannte. Habe ich mein Gedächtnis verloren? Ich versuche mich an irgendetwas zu erinnern. Wieso bin ich hier? Wir müssen Faquarl retten! Wie sieht Faquarl aus? Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn vor mir. In eine rote Robe gehüllt, hochgewachsen und schwarze Haare. Ich kann mich erinnern! Aber weshalb weiß ich all die anderen Dinge nicht? Als ich mich umblicke, bemerke ich den Schrecken Grundas über die eigene Unwissenheit, die Verwirrung in Eskels Gesichtsausdruck und die Verzweiflung, mit der Magni nach einer Antwort sucht. „Moraven hat – er hat – seine Haare sind – rotblond. Oder nicht?“ Wenn ich mich versuche an den Fürsten zu erinnern, dann habe ich nur ein verschwommenes Bild vor meinem inneren Auge. Ja, die Haare scheinen rötlich zu sein! Auch Grunda nickt unsicher, aber zustimmend. Der Betrachter scheint zufrieden. „Nun, das lässt sich leicht überprüfen.“ Er ruft nach Moraven und wenige Augenblicke später betritt der Fürst wieder den Raum.

Ich starre in seine Richtung. Dort steht er, Moraven Tolo von Riva, Fürst von Rivien. Ich sehe ihn, sein Gesicht, seine Haarfarbe. Alles ist klar und deutlich. Doch mir fehlen die Worte zu beschreiben, was ich sehe. Ich kann ihn sehen, aber nicht erkennen, nicht benennen was ich sehe. Sind seine Haare tatsächlich rot? Moraven ist von den vielen durchdringenden Blicken irritiert und will wissen, weshalb wir ihn so anstarren würden. Den Betrachter amüsiert dies. „Interessant, wirklich höchst interessant.“ Sein Grinsen wird noch breiter als es ohnehin schon war. Die Fragen des Betrachters scheinen allesamt trivial und doch ist es uns unmöglich Antworten auf sie zu finden. Er ist offensichtlich auch nicht an den Antworten interessiert, denn trotz unseres Unvermögens macht er einen überaus zufriedenen Eindruck.

„Bleiben nur noch zwei Fragen.“ Kurzzeitig huscht die große Pupille zu Sera und Nusea, bevor es sich wieder dem Goldfisch zuwendet. Frau Schwarzschwan fragt er ebenfalls nach der Haarfarbe einer Person, die sie vor über einem Jahrzehnt auf einer Elementarebene traf. Offenbar weiß er genau Bescheid über dieses Ereignis, denn er kann ihr einige Details der Begegnung nennen. Sera ist erstaunt aber, zu meiner größten Überraschung, nicht sprachlos. „Ich erinnere mich, seine Haare waren tiefschwarz.“ Von Nusea will er wissen an welchem Tag sie Dillion das erste Mal begegnet sei. „Es war ein klarer, kalter Tag, der 27. Abadius. Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen ist.“ Der Betrachter scheint nicht überrascht zu sein. „Gut, das sollte reichen, um zweifelsfrei festzustellen, dass ihr diejenigen seid, auf welche Ovide und Etna gewartet haben.“

„Auf uns gewartet?“ Eskel bohrt nach und will das Gespräch in geordnete Bahnen lenken. „Ihr sagt ihr wisst Vieles. Wisst ihr auch wo wir Faquarls Herz finden?“ Das verschlagene Dauergrinsen des Betrachters ist nicht zu deuten. „Woher wisst ihr denn, dass es dieses Herz überhaupt gibt?“ Bevor Eskel etwas entgegnen kann, grätscht Grunda dazwischen. Sie zählt die zahlreichen Hinweise und Informationsquellen auf, doch das scheint dem Betrachter nicht zu genügen. „Seid ihr euch dabei ganz sicher? Wie ihr soeben erfahren musstet, spielt der eigene Geist gern Streiche. Könnte es sich bei den Hinweisen nicht um Einbildungen handeln, um Fantasien, Illusionen oder wie immer ihr solche Täuschungen benennen wollt? Eventuell ausgelöst von einem Gift, einer Droge oder mächtiger Magie. Es gibt unzählige Möglichkeiten sich zu irren, nicht wahr?“ Doch Grunda wehrt sich gegen die Einwände. „Niemals könnte man uns alle zugleich täuschen!“ „Oh, natürlich. Aber ist das denn nötig? Vielleicht bist du ganz allein hier und deine Freunde nichts weiter als eine Konstruktion deines in die Irre geführten Geistes. Wie kommt es, dass du so wenig über sie weißt, nicht einmal die Farbe der Haare deines Fürsten benennen kannst?“ „Nein, das kann nicht sein! Niemals hätte ich allein gegen die Gefahren bestehen können!“ „Niemand behauptet, dass die, die sich dir in den Weg stellten tatsächlich dort waren.“ „Ich habe das Blut gesehen, ihren Schweiß gerochen, ihre Köpfe abgetrennt!“ Ich meine eine leichte Verunsicherung in der Stimme der Paladina wahrzunehmen und auch der Betrachter wittert, dass die Saat seiner Worte zu fruchten beginnt. „Träume fühlen sich sehr real an, während wir träumen, nicht wahr? In der Regel merkt man erst wenn man aufwacht, dass etwas merkwürdig war. Man weiß etwa nicht, wie man an den Ort gelangt ist, an dem man sich gerade befindet. Wie bist du hierhergekommen?“ „Selbstverständlich weiß ich das! Frau Schwarzschwan hat uns aus Narlgaard in die Hölle teleportiert.“ Der Betrachter nickt verständnisvoll. „Das will ich glauben. Aber wie bist du nach Narlgaard gekommen? Und wer war es, der dich zu deinem Glauben geführt hat?“ Er lässt seine Worte wirken. „Ihr scheint großes Vertrauen in euren Geist und eure Sinne zu haben, obwohl beide euch eben im Stich ließen. Seid ihr wirklich davon überzeugt, dass dieser einfältige Mann neben euch steht, der die Namen seiner Eltern nich kennt, dieser komische Zwerg ohne Großvater und euer Fürst mit farblosen Haaren? Oder ist es nicht vielmehr so, dass ihr daran glauben wollt? All das ist ein wenig seltsam, nicht wahr?“

Während Grunda sich immer weiter in das Gespräch verstrickt, wende ich mich mit an Sera. Denn sie fand stets Erklärungen für die absonderlichsten Erscheinungen, welchen wir in den letzten Tagen begegnet sind. „Was hat diese Kreatur mit uns gemacht, weshalb können wir uns nicht erinnern? Und weshalb können wir nicht –“, ich blicke in Richtung Moraven „nicht sehen?“ Ihr Blick ruht lange an einem unbestimmten Punkt in der Ferne. „Ich weiß es nicht, Mareen.“ „Hat es uns verzaubert, unseren Geist manipuliert?“ Nachdenklich schüttelt sie ihren Kopf. „Nein. Jedenfalls konnte ich keine derartige Magie ausmachen. Auch ich kann es mir nicht erklären.“ „Nur ihr – Du und Nusea – konntet euch erinnern. Aber auch ihr könnt ihn nicht sehen.“ Ich deute abermals auf Moraven. „Wie kann das sein? Weshalb können wir nicht erkennen? Weshalb können wir uns nicht mehr erinnern?“ Plötzlich wendet sich Sera mir direkt zu und mustert mich aus nächster Nähe. Ihre Nasenspitze ist wenige Zentimeter von der meinen entfernt, ihr rieche die Angst, spüre ihren Atem. „Konntest du dich jemals erinnern? Warst du jemals im Stande ihn zu sehen?“

Mir ist schwindelig. Meine Gedanken ziehen an mir vorbei, doch es gelingt mir nicht nach einem zu greifen, ihn festzuhalten. Alles scheint sich zu entziehen. Mir droht alles zu entgleiten. Plötzlich kommt mir ein schrecklicher Gedanke. Könnte es sein, dass auch wir einige Spritzer des verfluchten Wassers abbekamen, als der Greif in den Styx stürzte? Können wir uns deshalb nicht erinnern? Eventuell haben wir nur einige Details vergessen und nicht einen völligen Gedächtnisverlust erlitten wie Layra und Finnvarra. Nusea war im Boot nebenan und Layra hat sich schützend vor Sera geworfen. Das würde alles erklären! Alles, bis auf die Sache mit Moraven.

4. Jemand, der zu euch gehört
„Nun aber genug!“ Wieder meldet sich der Betrachter zu Wort. Er scheint der Unterhaltung und unserer Gesellschaft überdrüssig. Wie schon die Wächterin vor der Galerie scheint er gewillt uns zu helfen unser Ziel zu finden. Das allein stimmt mich misstrauisch. Erst wird versucht uns umzubringen, unsere Seelen zu rauben oder in den Styx zu werfen und im nächsten Moment reicht man uns die Hand. „Seit Wochen warte ich bereits auf diesen Augenblick und gleich, wenn ihr durch diese Türen geht, habe ich meine Aufgabe erledigt.“ Dabei deutet er mit einigen seiner Augen auf die drei Türen im hinteren Teil des Gewölbes. Wir wollen wissen, was sich hinter den Türen befindet und welche der drei uns zu unserem Ziel führt. „Die erste führt euch zurück in die Stadt.“ Die besagte Tür schwingt auf und dahinter sehen wir das Gewusel von unzähligen Kreaturen in Dis. „Vorher solltet ihr jedoch durch die zweite treten, denn dort befindet sich Dillion und jemand, der zu euch gehört.“ Nusea springt auf. „Dillion? Ist hinter dieser Tür wirklich mein Dillion?“ Angespannt und zittrig steht sie vor der verschlossenen Tür und wagt es nicht sie zu öffnen. Der Betrachter schenkt ihr keine Beachtung und fährt fort. „Die Letzte führt euch dorthin, wo ihr Faquarls Herz vermutet, zu Ovide und Etna.“

Nusea hat nur noch Augen für die Tür, hinter der sich ihr Geliebter befinden soll. Vor sich hin flüsternd hebt ihre Hand zum Knauf und zieht sie erschrocken wieder zurück. Sie trägt einen erbitterten Kampf mit sich selbst aus. Einige der Stimmen warnen sie den letzten Schritt zu machen, andere ermuntern sie sich Mut zu fassen. Dann plötzlich, mit einem Ruck, sodass die zögernden Stimmen sie nicht mehr zurückhalten können, reißt sie die Holztür auf. Helles Licht bricht hinein und Magni weicht geblendet zurück. Auch ich kann im ersten Moment nichts erkennen. Nur langsam werden die Umrisse schärfer. Auf der anderen Seite befindet sich kein Raum, sondern eine weite, grasbedeckte Landschaft. Kühle Luft weht in den Raum und zerzaust mein Fell. Ich trete näher und lasse meinen Blick schweifen. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, erblicke ich es. Eine Konstruktion, einige Dutzend Meter entfernt. Zwischen zwei, in den Boden gerammten Holzpfählen ist ein Leichnam an den Handgelenken aufgehängt und wiegt sich rhythmisch im Wind. Er wurde als Blutadler hingerichtet. Den Rücken hat man ihm aufgerissen, Rippen, Schulterblätter und Lungen sind wie Flügel aufgespannt. Der Körper ist durch die fortgeschrittene Verwesung völlig entstellt. Langsam, als würde die Zeit sich endlos dehnen, macht Nusea einen Schritt nach dem anderen auf ihn zu, bis sie wenige Meter vor ihm stehen bleibt. Zögernd hebt sie ihren Kopf und blickt dem Toten ins Gesicht. Am ganzen Körper beginnt sie immer stärker zu zittern. Arme und Beine fangen schließlich an zu krampfen bis sie einen langen, schrillen Schrei ausstößt. „Dillion!“ Als dieser verebbt fällt sie auf die Knie und kippt vornüber. Das Gesicht in der Erde versunken bleibt sie vor ihrem auf so grausame Weise entstelltem Geliebten liegen.



Dieses Bild brennt sich in mein Gedächtnis ein. Ich weiß nicht wie lange ich dastehe und regungslos mit leerem Blick in ihre Richtung starre, ohne etwas zu fühlen und auch nicht zu denken im Stande. Das nächste an was ich mir erinnere ist Nusea, die sich mit gesenktem Blick an mir vorbei zurück in den Raum schiebt. Sie lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen und der letzte Lichtschein verebbt. Tränen rinnen über die Wangen der jungen Frau, vermischen sich mit der blauen Bemalung und zeichnen ein neues Muster in ihr Gesicht.

Verzerrte Gespräche und verschwommene Erinnerungen. Ich sitze auf kalten Treppenstufen. Im Hintergrund Stille, nur unterbrochen vom schluchzen Nuseas, bis auch dieses verstummt. Jemand setzt sich neben mich und ich höre eine vertraute Stimme. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. „Wir dürfen nicht aufgeben. Nicht jetzt! Das ist es, was sie wollen. Sie wollen uns brechen. Erinnere dich an Seras Worte.“ Eskel hilft mir auf die Beine. Im gegenüberliegenden Teil des Gewölbes glüht Grunda vor Wut. Sie verflucht Ovide und Etna, die bösen Götter und den Betrachter. Der zeigt sich unbeeindruckt von ihren Verwünschungen. „Dillion ist tot, er ist einfach tot. Nicht alles tanzt nach eurer Nase. Kein Friede, Freude, Eierkuchen. Er ist tot, begreift das endlich!“ Im Hintergrund hört man Nuseas Stimmen zu sich selbst sprechen. „Dillion? Tot? Für immer verloren.“ Grunda läuft von einer Seite des Raumes zur anderen. „Und wer ist die Person, die angeblich zu uns gehört?“, spuckt sie dem Betrachter hasserfüllt entgegen. „Sie wartet hinter der Tür. Öffnet sie.“ Grunda scheint etwas irritiert. „Ich soll die Tür öffnen? Wer wartet dahinter?“ „Sie trägt keinen Namen. Aber wenn ihr sie nicht mitnehmt, so stirbt sie hier.“ Nach einigem hin und her entschließt die Paladina sich schließlich die Tür ein zweites Mal zu öffnen.

Entgegen unserer Erwartungen blickt Schwärze uns entgegen. Die lichtdurchflutete Landschaft ist einem feuchten Kerker gewichen. Vorsichtig treten wir über die Türschwelle. Ich verspüre Angst. Was mag uns hier Schreckliches erwarten? Magni zeigt in die Dunkelheit. „Dort ist etwas.“ Wir müssen noch weit vordringen, bis auch ich etwas erkenne. Das magisch Licht fällt auf die weiße Haut eines Mädchens, was nackt und blutverschmiert auf dem Steinfußboden kauert und uns aus weit aufgerissenen Augen anstarrt. Ich will sie nicht erschrecken und so nehme meine menschliche Gestalt an. Wir treten näher und sprechen das Kind an. Es scheint uns nicht zu verstehen und wirkt schwer verstört. Aus der Nähe erkenne ich spitze Ohren und schlanke Gesichtszüge. Eine junge Halb-Elfe! Als Grunda ihr die Hand reicht, reagiert sie darauf ebenso wenig wie auf unsere Fragen. Vielleicht spricht sie unsere Sprache nicht! In sanftem Ton versucht es Sera mit jeder der ihr bekannten Sprachen. Selbst das infernalische Klacken klingt weit weniger absonderlich, sondern eher wie ein angenehmer Rhythmus. Doch das Kind bleibt stumm. Es scheint nicht zu verstehen. Währenddessen reicht Magni ihr seine viel zu große Jacke und Grunda bietet ihr Wasser und Brot an. Doch weder das eine, noch das andere nimmt sie an. Vorsichtig hebt Grunda die Kleine an, doch sie scheint auf ihren dünnen Beinen nicht in der Lage das Gleichgewicht zu halten. Sie versucht es nicht einmal. Als wüsste sie nicht wie man steht, geschweige denn läuft. Sie muss von uns angekleidet und gefüttert werden. Erst als sie den Wasserschlauch im Mund hat, beginnt sie gierig daran zu saugen. Unbeholfen schluckt sie. Wasser rinnt aus ihren Mundwinkeln. Sie trinkt wie ein Säugling. Ich betrachte das Mädchen genauer. Sie hat die Statur einer Zwölfjährigen, so schätze ich, auch wenn ihre Haut so blass ist, als ob niemals ein Sonnenstrahl darauf gefallen ist. Das viele Blut scheint nicht von ihr zu stammen, denn sie hat nur einige wenige Schürfwunden, die verschwinden, als Grunda diese berührt. Behutsam trage ich sie aus dem dunklen Verließ, während die Halb-Elfe mich aus verlorenen Augen anstarrt. Als wir die Tür hinter uns schließen macht Eskel ein sorgenvolles Gesicht und ich erinnere mich wieder an seine Worte auf der Treppe. Nun ergeben sie einen Sinn. Alles passt zusammen. Die Kleine in meinen Armen ist wenige Tage alt und auf dem Weg die Treppe hinab ist ihr Körper gealtert und gewachsen. Ein Säugling im Körper eines Mädchens!



Was befindet sich noch alles hinter dieser Tür? Einer nach dem anderen öffnet sie erneut, doch stets finden wir den dunklen, leeren Kerker vor. Selbst als Nusea sich überwindet und ein zweites Mal in den dahinterliegenden Raum späht, blickt ihr nur die feucht-kalte Zelle entgegen. Der Betrachter drängt uns immer energischer nun endlich durch die dritte Tür zu gehen. Er will offenkundig verschwinden, denn er fängt an die Utensilien in den Regalen in einen Nimmervollen Beutel schweben zu lassen. Doch meine Freunde widmen ihre Aufmerksamkeit nicht der Tür und unserem ursprünglichen Anliegen, sondern scheinen besorgt um den Goldfisch zu sein, den sie ‚Roswen‘ nennen. Mittlerweile erinnere ich mich dunkel. Faquarl erzählte mir, dass sie einen Fisch während ihrer Reise ins Zwielichtreich aus den Fängen Lucretias gerettet hatten und dafür fürstlich entlohnt wurden. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie sie mit dem schwer beladenen Streitwagen in Narlgaard eintrafen. Verblüfft bestätigt der Betrachter, dass es sich bei dem Fisch um Roswen aus dem Zwielichtreich handelt. „Witzig, dass ihr meinen Goldfisch kennt.“ Doch seine Freude über unsere Nachfragen schlagen alsbald in Verärgerung um. Grunda fängt an mit dem Fisch zu reden, fragt Roswen wie es ihr geht und ob sie freiwillig an diesem Ort sei. Zwar ist der Goldfisch nicht im Stande ihr zu antworten, doch die Signale sind eindeutig. Aufgebracht versucht der Betrachter das absonderliche Gespräch zu beenden. „Natürlich geht es ihr gut! Los Fischi, Fischi.“ Mit einer seiner Tentakel rührt er im Glas herum und stupst sein Haustier an. „Lasst sie in Ruhe!“ Das zentrale Auge fixiert Grunda. Die Paladina ringt um Luft, was sie daran hindert weitere Fragen zu stellen. „Denkt gar nicht daran. Nur weil ihr meinen Goldfisch kennt, habt ihr nicht das Recht sie mir wegzunehmen.“ Als Grunda wieder zu Atem gekommen ist, macht Eskel sie auf den Kopf eines ausgestopften Affen aufmerksam, der hoch oben in einem der Regale ausgestellt ist. Das scheint meine Gefährten noch weiter zu beunruhigen. Sie wollen wissen wie der Betrachter zu seinem besonderen Haustier gekommen ist, doch der verweigert jegliche Auskunft. Auch auf einen Handel lässt er sich nicht ein, selbst die überall so begehrte Dispater-Prägung würdigt er keines Blickes. Immer hektischer verstaut der sein Hab und Gut in dem kleinen Beutel. Doch anstatt von dem Betrachter und seinem Fisch abzulassen, wird Grunda immer streitlustiger. Offenkundig scheint sie bereit den Betrachter anzugreifen. Wir versuchen sie zu beruhigen. Schließlich sind wir nicht gekommen um Roswen, sondern um Faquarl zu retten. Doch ihr widerstrebt es ganz und gar diese Kreatur einfach ziehen zu lassen und ihr den hilflosen Goldfisch zu überlassen. Erst als Sera auf sie einredet und ihr erklärt, dass ihr Vorahnungszauber uns einen schlechten Ausgang für einen möglichen Kampf gegen den Betrachter prophezeit, lenkt sie widerwillig ein. Als eben jener Zauber das letzte Mal eine solche Prognose gab, taten wir gut daran darauf zu hören.

Moraven wartet bereits mit Layra und Finnvarra vor der dritten und letzten Tür. Mittlerweile haben beide offenbar Vertrauen zu ihm aufgebaut und es kostet ihn weniger Mühen sie zu überreden ihm zu folgen. Aber es schmerzt mit anzusehen, wie die Bande zwischen Layra und Finnvarra gebrochen wurde. Die beiden waren ein Herz und eine Seele, doch nun weicht Layra ängstlich vor ihrem Gefährten zurück. Zerknirscht wirft Grunda dem Betrachter böse Blicke zu. Die Regale sind bereits leergeräumt und soeben hebt er das Goldfischglas behutsam an. Roswen schwimmt panisch hin und her, blickt in unsere Richtung und verschwindet im Dunkel des Beutels. Moraven findet noch einige diplomatische Abschiedsworte für den Betrachter, aber der schenkt dem Fürsten schon keine Beachtung mehr. Mit sanfter Gewalt schieben wir Grunda in Richtung der Tür. Magni hat bereits die Klinke in der Hand, da wendet sich der Betrachter mit seinem verschlagenen Grinsen ein letztes Mal zu uns um. „Wartet! Fast hätte ich das Wichtigste vergessen.“ Die große Pupille lastet auf uns. „Eine letzte Frage: Was ist Transzendenz?“ Dann schwebt er heiter hinaus.

5. Das Ende des Multiversums
Grunda schnaubt wütend. Sie stößt die Tür auf und verlässt den Raum, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen. Ich habe Mühe mit dem Mädchen in den Armen Schritt zu halten. Der Weg vor uns ist gepflastert und einige Meter breit, aber es sind keine Wände zu sehen. Nur undurchdringliche, wabernde Dunkelheit umgibt den langen Flur. Als ich prüfend meinen Fuß hineinstrecke spüre ich keinen Widerstand und er verschwindet bis zum Knöchel. Erschrocken ziehe ich ihr zurück. Einige Minuten folgen wir dem geradeaus verlaufenden Weg, bis der Lichtschein auf einen großen Hirsch fällt, der regungslos am Boden liegt. Ich inspiziere den blutverschmierten, toten Körper. Es ist das erste Tier, was wir in der Hölle sehen und es riecht auch wie das Wild in Golarion. Wie ist er an diesen Ort gekommen? Moraven und Eskel erinnern sich zurück an ihre ersten Tage in den Kamelanden, den Hirschkönig und den Fluch des Elchtempels. Ist dies ein Symbol, eine Warnung? Steht der Hirsch etwa für uns und unser Scheitern? Während sie sich ihre Gedanken machen, bemerke ich eine Bewegung unter der Haut des Tieres. Vorsichtig öffne ich den Brustkorb mit meinem Messer und eine fette Made, so dick wie mein Unterschenkel, so lang wie mein Unterarm, gräbt sich ihren Weg ins Freie. Angewidert weiche ich zurück. Wir lassen von dem toten Tier ab und folgen weiter dem Weg.

Als ein Ende des langen Flurs in Sicht kommt vernehmen wir ein fernes, dumpfes Flüstern. Die Stimme wir lauter, je näher wir uns der hölzernen Tür nähern und schließlich verstehen wir die Worte. Angespannt lauschen wir den Versen.



Flüsternde Stimme:

In diesem Albtraum während Zeit Dich verzehrt
Bleibt dein Leib durch kalte Flügel beschwert

Hörst du sie kommen, um Dich zu befreien?
Verzerrtes Hoffen – hörst Du sie schreien?

Ihr Schicksal bestimmen falsche Propheten
Zu diesen Göttern kannst Du nimmermehr beten

Die ewige Liebe? Ein Verließ wird sie sein
In Tränen verblieben – stirbst Du allein

Ich brach ihn, nicht seinen Eid. Selbst tot vereint euch der Schmerz
Nicht aus Treue, nicht für Dich – allein für mich schlägt sein Herz

Eure Geschichte, sie endet nun hier
Zwischen Leben und Tod, als Kunst bleibst Du mir

Im Fleisch meiner Brust brennt die Scham seiner Schuld
Verabschiede Dich – Dir bleibt nur – Geduld

Ich brach ihn, nicht seinen Eid. Selbst tot vereint euch der Schmerz
Nicht aus Treue, nicht für Dich – allein für mich schlägt sein Herz.

Wer spricht da zu wem? Als wir die Tür öffnen erstirbt die Stimme und vor uns liegt ein großer, runder Raum. In dessen Mitte steht die steinerne Statue einer menschengroßen Nymphe auf einem Sockel. Eine große, schlanke Kreatur steht vor dem Kunstwerk und betrachtet es. Auf den ersten Blick ähnelt sie einem Kyton, aber es sind nicht Ketten, die dieses Wesen umgeben. Ihren Klauen entwachsen schwarze Ranken, welche Unterleib und Beine bedecken. Selbst aus den eingefallenen, dunkeln Augenhöhlen spießen die pflanzenartigen Fortsätze. Alte, graue, ledrige Haut spannt sich über den knochigen und dürren Oberkörper. Das muss sie sein, die Kunstsammlerin Ovide! Als wir eintreten, wendet sie sich von der Statue ab. Sie mustert uns und auf ihrem schaurigen Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab. Jeden einzelnen von uns begrüßt sie persönlich und unterstreicht dies mit einer Verneigung. Ihre Bewegungen sind seltsam ungelenk. Bei jedem Schritt scheint sie zu wanken und aus dem Gleichgewicht zu geraten. Finnvarra macht einige Schritte rückwärts aus dem Raum und Layra kauert sich verängstigt zusammen. Hastig drücke ich ihr das Mädchen in die Arme.



„Könnt ihr sie beantworten, die Frage? Was ist Transzendenz?“ Ich scheine nicht die einzige zu sein, die keinen blassen Schimmer hat. Die Stille wird von einer weiteren Kreatur durchbrochen, welche den Raum durch die gegenüberliegende Wand betritt. Sie gleitet durch den Stein, als wäre es Wasser. „Ovide meine Liebe, sind sie da?“ Das also ist Etna, Ovides Lebensgefährtin, eine Shaitan, beheimatet auf der Existenzebene der Erde. Auch sie hat den Körper einer schlanken metergroßen Frau. Ihre Haut wirkt spröde, wie getrockneter Lehm. Aus den Hüften entspringen viele Arme, die sie Umgeben wie ein Kleid. Sie ist ebenfalls über unsere Anwesenheit erfreut und mustert uns aus leuchtenden Augen. „Die Zeit ist gekommen, sie ist endlich gekommen!“ Die absonderlichen Kreaturen und ihre Freude über unser Auftauchen erfüllt uns mit Misstrauen. Moraven wirkt einen Schutzzauber und Eskel bereitet sich unverhohlen auf einen Kampf vor. Etna wirkt, als könne sie es selbst noch nicht ganz glauben. „Liebste Ovide, die schönste Zeit habe ich mit dir verbracht. Danke, danke, dass ich Teil haben kann an dem, was hier geschieht.“ Die Freunde der beiden wirkt authentisch und Ovide rinnen sogar Tränen über Wangen. Leise spricht sie mehr zu sich selbst, als zu uns. „Wir sind so glücklich euch tatsächlich zu sehen. Das macht uns zu den glücklichsten Kreaturen des Multiversums. So lange habe ich daran gearbeitet.“ Während ich mit der Situation überfordert bin, wer hätte mit einem solchen Empfang gerechnet?, lässt Grunda ihrem Zorn freien Lauf. „Was macht euch so glücklich? Und worauf habt ihr gewartet?“ Ovide schaut uns lange an, das Lächeln auf ihrem Gesicht wirkt wie das einer Wahnsinnigen. „Ihr habt es noch immer nicht verstanden. Ihr wisst nicht, weshalb ihr hier seid.“ Laut fängt sie an zu lachen und verspottet uns. „Narren! Sie werden es niemals verstehen, können es nicht verstehen. Was ist Transzendenz?“



Ovide stellt uns weitere Fragen. Fragen, deren Antworten sie schon kennt und die wir nicht beantworten können. Dann kommen wir auf den Grund für unseren Besuch zu sprechen: Faquarls Herz. Lächelnd faltet sie ihre knochigen Hände auf der Brust. Entgeistert starre ich auf ihren Brustkorb. Sein Herz ist doch nicht etwa –? „Riechst du es? Riechst du es, Hund?“ Sie nimmt die Hände weg und nun bemerke ich die große Narbe. Ich fauche sie an, was sie jedoch nur noch mehr zu belustigen scheint. Seras Stimme schneidet durch den Raum „Warum Faquarl? Warum habt ihr es auf das Herz eines Elfen abgesehen?“ Wieder das leise Lachen Ovides. Der bemitleidende Ausdruck in ihrem Gesicht ist es, der Grunda die Zornesröte ins Gesicht steigen lässt. „Ihr versteht es nicht. Faquarl ist kein einfacher Elf. Er ist etwas – anderes. Aber warum ist er etwas anderes? Warum er, warum nicht – diese Abadar-Schlampe? Warum nicht dieser dreckige Zwerg? Warum Faquarl?“ Aber sie tut uns nicht den Gefallen diese Frage zu beantworten. Stattdessen stellt sie immer wieder dasselbe Rätsel. Was ist Transzendenz? Schließlich platzt Eskel der Kragen. „Keine Angst vorm Tod!“, brüllt er und stürmt der Kunstsammlerin entgegen.

Noch bevor er die Sahkil erreicht, schnellt eine ihrer Ranken hervor und wickelt sich um Eskels Knöchel. Hart schlägt er auf dem Boden auf. Ich höre Ovide kichern und dann ist ihre Stimme plötzlich in meinem Kopf. „Töte deine Freunde!“ Wie von einer fremden Macht besessen wende ich mich zu Magni um. Der Zwerg sieht meinen Angriff nicht kommen. Sera hebt die Hand, ein Schrei dringt in mein Ohr und ich erlange die Kontrolle zurück. Im letzten Augenblick kann ich den Hieb umlenken und mein Streitflegel saust wenige Zentimeter am Kopf meines Freundes vorbei. Im nächsten Moment fängt der Boden an zu vibrieren. Gesteinsbrocken fliegen uns entgegen und aus den Löchern sprüht eine grünliche Flüssigkeit, die unsere Haut verätzt. Wir stürzen uns in den Kampf. Magni und ich greifen Etna an, Grunda und Eskel nehmen sich Ovide vor. Aber Grunda wirkt verwirrt. Mehrmals blickt sie sich misstrauisch zu Eskel um und springt fluchend von ihm weg, als er sich ihr nähert. Auch gegen Moravens Hast-Zauber wehrt sie sich und schüttelt die Magie ab.

Ovides Ranken peitschen nach uns und reißen selbst Magni von den Füßen. Die vielen Hände Etnas greifen nach ihm und zerkratzen sein Gesicht. Aus dem Ring an ihrem Finger entspringen Energiegeschosse, die uns mehrere Meter nach hinten schleudern. Mit einer Handbewegung lässt die Shaitan Gestein aus dem Boden emporschnellen und presst ihre Feinde mit einem Steinfluch in das Mauerwerk. Zweimal erwischt es Nusea. Das erste Mal muss Moraven den Stein mit Hilfe seines magischen Steckens formen, das zweite Mal kann sie sich aus eigener Kraft befreien. Meine Angriffe zeigen keinerlei Wirkung. Etna weicht ihnen geschickt aus und wenn ich doch vereinzelte Treffer lande, prallen meine Hiebe von der robusten Haut zurück ohne Spuren zu hinterlassen. Magnis Adamanthammer hingegen zerschmettert einen Fuß und mehrere der Hände, die nach ihm greifen, ihn aber nicht zu fassen bekommen.

Plötzlich erstarrt Ovide inmitten ihrer ungelenken Bewegungen. Ihr triumphales Lächeln wird zu einer traurigen Grimasse verzerrt, als ein Zauber Seras sie erfasst. Grunda nutzt den Augenblick. Mit drei schnellen Stichen durchbohrt sie die Sahkil. Als diese wieder zu sich kommt und ihr Lächeln zurückgewinnt, macht sie einige schnelle Handbewegungen und verschwindet mit den Worten. „Ihr könnt uns nicht aufhalten, längst haben wir unser Ziel erreicht.“ Etna hat bemerkt, dass ich ihr nichts anhaben kann und konzentriert ihre Angriffe auf den Zwergen. Fäuste prasseln nieder und Blut läuft unter seinem Helm hervor. Er wankt zurück in die Arme Seras, wo sich seine Wunden sofort verschließen. Die Shaitan kann die heranstürmende Grunda mit einem heftigen Hieb von den Füßen reißen. Dann macht Magni einen letzten Satz nach vorne und prügelt auf Etna ein. Der Hammer trifft sie seitlich am Kopf und bringt sie ins straucheln. Nur noch von ihrem Kleid aus Armen auf den Beinen gehalten wird ihr Blick glasig. „Es ist uns gelungen.“ Sie bringt noch einen letzten Satz über die Lippen, bevor sie bewusstlos zusammenbricht.

Wir heilen unsere bedrohlichsten Verletzungen und inspizieren den Raum. Ovide könnte überall hin verschwunden sein. Um den Sockel der Statue herum sprießen tiefrote Blumen aus dem steinernen Boden. Auch erblicken wir eine zweite Tür. Sie scheint auf der Rückseite der Tür zu sein, durch welche wir den Raum betreten haben. Es sind zwei Türen an einem Ort. Die erste ist geöffnet und durch die Öffnung kann man in den Gang spähen, in den Finnvarra sich verängstigt zurückgezogen hat. Wo führt die zweite hin? Bevor wir sie betreten, knöpfen wir uns Etna vor. Wir nehmen ihr den Ring ab und fesseln die vielen reglosen Hände. Dann werden Heilzauber gewirkt, bis sie wieder die Augen aufschlägt. Doch auch in ihrer aussichtslosen Situation, das Schwert an der Kehle, wirkt sie heiter und weicht unseren Fragen aus. Wir wollen wissen, weshalb sie auf uns gewartet haben. „Euch zu begegnen ist etwas so Ungewöhnliches. Eine Singularität des Multiversums. Aber wieso? Ihr versteht es nicht, könnt es nicht verstehen.“ Ihr leises Lachen hallt von den Wänden wieder. „Ihr habt mich nicht besiegt. Alles läuft nach unserem Plan. Ovide wird bereits auf euch warten.“ Aber warum musste es ausgerechnet Faquarls Herz sein, was nun in Ovides Brust schlägt? „Nur in Faquarl konnten wir, und können es noch immer, die Transzendenz, das Göttliche so spüren wie es nur irgend möglich ist. Sagt mir, was haltet ihr von den Göttern?“ Nun ist wieder sie es, die uns die Fragen stellt, doch unsere Antworten scheinen sie nicht zu interessieren, denn ohne zu warten fährt sie fort. „Das Multiversum ist verrückt nach ihnen. Alles richtet sich nach ihren Wünschen. Sie geben vor was geschieht. Sie wandeln durch die Ebenen. Sie tun, was ihnen beliebt. Doch sind sie nicht verschieden von euch, nicht verschieden von mir. Sie sind nichts Besonderes. Abadar, Nethys, Torag“, abfällig spuckt sie aus. „Was sind das für Kreaturen? Qualitativ unterscheiden sie sich nicht von uns. Wir können sie anfassen. Sie entziehen sich nicht unserer Wahrnehmung.“ Grunda und Magni wollen protestieren, doch Moraven hält sie zurück. Was bringt es jetzt noch zu streiten? Wir brauchen Informationen, doch all unsere Drohungen laufen ins Leere. „Mein Leben ist verwirkt. Es gibt keinen Grund weiterzuleben. Noch nie war ich meinem Ziel so nah. Ich habe gefunden, was ich suchte. Transzendenz.“ Erbost hebt Eskel, einem Scharfrichter gleich, sein Schwert, wie er es schon viele Male tat. Doch Grunda fährt energisch dazwischen. „Das ist es, was sie will! Wir dürfen ihr diesen Wunsch nicht erfüllen!“ Die Paladina findet jedoch keine Verbündeten, insbesondere weil sie keine Alternative anzubieten hat. Was soll mit Etna geschehen? Wir können sie nicht einfach gehen lassen. Und so fährt Eskels Krummschwert doch noch auf Etnas Nacken nieder. Die Klinge bleibt in ihrem Hals stecken. Mit einem ärgerlichen Ruck zieht er sie heraus und trennt ihr mit zwei weiteren Hieben den Kopf ab. Als das grausige Werk vollbracht ist, wendet er sich von dem Leichnam ab und marschiert geradewegs auf die Tür zu, hinter welcher wir Ovide erwarten.

Der dahinterliegende Raum ist mit schwarzem Obsidian ausgekleidet. Die Wände sind abermals, wie schon in der großen Eingangshalle, mit vielen Gemälden behangen. Jedes einzelne stellt Etna dar. Zehn Statuen, zur Hälfte aus weißem, zur Hälfte aus schwarzem Gestein gefertigt, bilden eine Gasse. Es sind erschreckend perfekte Abbildungen von uns. Eskels Narben an Hals und Schulter, der fehlende Finger Faquarls, alles stimmt bis ins kleinste Detail. Von allen Anwesenden findet sich eine Statue, nur Finnvarra und das Mädchen wurden nicht berücksichtigt. Zu meiner Überraschung erblicke ich auch die steinerne Mina Lodowka. Was hat das zu bedeuten? Doch mir bleibt keine Zeit darüber nachzudenken. Am Kopfende des Raumes hängt Ovide an ihren Ranken, die ein verzweigtes Netz im ganzen Raum spinnen. Noch immer lächelnd blickt sie uns an und während wir verwundert unsere Abbilder ansehen, gräbt sie die Klauen in ihre Brust. Mit einem schmatzenden Geräusch, was mich erschaudern lässt, platzt ihr Brustkorb entlang der Narbe auf. Schwarz-rotes Blut tropft auf die Blumen zu ihren Füßen. Zum Vorschein kommt ein pulsierendes Herz.

Ihr Flüstern ist schwach, aber noch immer vom Glück beseelt. „Dieses Herz hat mir alles gegeben. Ich bin euch unendlich dankbar. Ihr seid mein bedeutendstes Werk. Dies ist der Gipfel meines Seins.“ Offensichtlich ist sie nicht auf einen Kampf aus und so konfrontieren wir auch sie mit unseren Fragen. Wieso haben sie ausgerechnet uns in ihre Galerie gelockt und weshalb musste es das Herz Faquarls sein. „Es gibt einen kategorischen Unterschied zwischen euch und all den anderen Kreaturen, die das Multiversum bevölkern. Aber ihr seid außerstande diesen Unterschied zu erkennen. Ihr könnt es nicht verstehen. Deshalb seid ihr hier. Aber wäret ihr ihr, hättet ihr so viel gelitten für das Herz eines andern? Vielleicht hätten wir unseren Plan auch mit einem der euren verwirklichen können, aber nur mit Faquarls Herz konnten wir so viel Leid sähen. So lange habe ich von diesem Moment geträumt. Mein offenes Herz empfängt euch. Nun holt euch, wofür ihr gekommen seid. Nehmt es euch. Es brennt in meinem Innern.“ Während sie spricht wird sie merklich schwächer. Ihr Atem geht schwer und Blut fließt in Strömen an ihr herab. Immer und immer wieder stellt sie uns dieselbe Frage – Was ist Transzendenz? Und immer und immer wieder verhöhnt sie uns – Wir könnten es niemals verstehen. Zwar müssten wir es inzwischen besser wissen, aber erneut drohen wir ihr mit Folter. Eskel müssen wir zurückhalten. Er würde sich am liebsten auf die Sahkil stürzen und ihrem Gerede ein für alle Mal ein Ende bereiten. „Diese Welt interessiert mich nicht. Ich habe eine andere gesehen. Mein Körper, mein Geist, all das hat keinen Wert neben der Erkenntnis, die ich durch euch erlangt habe. Ich kenne die Antwort auf die einzig relevante Frage. Ihr könnt mit mir machen was ihr wollt, es ist mir gleichgültig.“

Während Grunda auf Eskel einredet, um ihn davon abzuhalten auch Ovide den Kopf abzuschlagen, kommt mir ein Gedanke. Es ist eine Erkenntnis, die sie so glücklich macht. Nichts kann ihr diese nehmen, nichts außer –. Inzwischen halte ich Moravens kleine Phiole mit dem schwarzen Wasser in Händen. Ich mache einige selbstbewusste Schritte auf sie zu, sehe zu ihr empor in die dunklen eingefallenen Augen. Mit einem ‚Plopp!‘ entkorke ich das Fläschchen und spritze Ovide, einem Priester gleich, das Styxwasser ins Gesicht. Für einen kurzen Moment weiten sich ihre Augen erstaunt. Dann setzt sie wieder ihr Lächeln auf. „Das ist das Grausamste, was eine Kreatur im Multiversum jemals versucht hat. Dieser Zeitpunkt markiert das Ende des Multiversums, so wie wir es kennen. Ihr wolltet sie – diese eine Erkenntnis – auslöschen. Ihr wolltet das Ende des Multiversums verhindern.“ Eskel tritt entschlossen neben mich. Auch seine Mundwinkel sind zu einem bösen Grinsen verzogen. „Ich habe zwar keine Ahnung von was Ihr sprecht, aber ich weiß, dass ihr irrt. Wir können euch diese Erkenntnis entreißen. Wir werden euch in den Styx werfen.“ Jede Mine fällt aus dem Gesicht Ovides. Ihr ohnehin schon blutleeres Gesicht wird noch blasser und das erste Mal fehlen auch ihr die Worte. Den Mund zu einem schiefen Grinsen verzogen wendet sich Eskel um. „Ich glaube es ist Zeit das Multiversum zu retten.“

Die Stimme der Sahkil ist nicht wiederzuerkennen. Nun bettelt sie, fleht uns an. „Es ist dieser Moment, wenn ihr ihn zerstört, dann war alles umsonst. Faquarl, Mina – all das umsonst. Lasst es nicht zu.“ Ihre Worte ersterben, doch die Ranken erwachen zum Leben, tasten nach ihrem Hals und schlingen sich feste darum. Hastig wirkt Sera einen Zauber. Abermals erstarrt Ovide, von Trauer gepackt und unfähig zu handeln. Grundas Rapier zerschneidet die Ranken, um den Suizid der Kunstsammlerin abzuwenden, während Sera Heilzauber wirkt und so die Blutung stoppt. Durch einen Schlag von Magnis Hammer auf den Hinterkopf verliert Ovide ihr Bewusstsein.

Von unserem Sieg beflügelt, feiern wir unseren Erfolg. Wir haben das Herz und außerdem haben wir den Plan dieser Sahkil durchkreuzt. Zwar wissen wir noch immer nicht, wie dieser im Detail aussah, doch das ist in diesem Moment nebensächlich. Wir beglückwünschen uns und Eskel für seinen Einfall, bis Grunda dazwischengeht, den Jubel abrupt unterbricht und den Alchemisten anfährt. „Was habe ich gesagt! Wir hätten sie nicht umbringen sollen.“ Vorwurfsvoll deutet sie auf die enthauptete Etna. Die Paladina macht auf dem Absatz kehrt und stapft durch den dunklen Gang davon. Es wird still und wir blicken uns entgeistert an. Was ist in sie gefahren?

Während wir schweigend unserer Freundin hintendrein blicken, vernehmen wir ein leises Geräusch. Wo kam das her? Eskel deutet auf die Statue. Die Blumen rings um den Sockel haben sich mittlerweile ausgebreitet. Die höchsten erreichen bereits die weißen Steinschwingen. Vorsichtig nähern wir uns und Magni legt ein Ohr auf den Stein. „Da ist etwas im Inneren. Ich kann etwas hören.“ Moraven packt den Pfeiler der Felsen und stößt ihn gegen den Stein. Wie Wasser fließt das Gestein beiseite und gibt den Blick auf zerschlissene Kleidung frei. Eskel mahnt zur Vorsicht. Was, wenn im Innern tatsächlich eine Nymphe ist? Mit zwei weiteren Stößen des Pfeilers entfernt Moraven das Gestein um die Arme und legt schließlich das Gesicht frei. Erstarrt blickt er in ein ihm bekanntes Antlitz. „Mina?“ Müde, leere Augen blicken ihm entgegen und ein kaum hörbares „Moraven“ entfährt ihren Lippen. Ihre Glieder fallen schlaff herab, als sie aus dem Stein gelöst werden. Die Augen kann sie kaum offenhalten. Auf unsere Fragen reagiert sie nicht. An ihrem Finger entdecken wir neben dem Ehering einen weiteren. Einen Versorgungsring, der sie in ihrem Gefängnis am Leben hielt. Mit vereinten Kräften versuchen wir sie aus der steinernen Nymphe zu befreien. Magni bearbeitet die Statue mit einem Meißel, bis wir auch ihre Beine herausziehen können. Haare und Fingernägel sind ungewöhnlich lang. Sie ist ebenfalls die Treppe hinab gekommen. Dann fällt mein Blick auf ihren blutverkrusteten Unterleib. Als wir sie genauer untersuchen müssen wir feststellen, dass ihre gesamte Bauchdecke genäht wurde. Die Blutlache, Eskels Vermutung, die kleine Halb-Elfe im Kerker und nun das. Eines fügt sich zum anderen. Es war Minas Blut auf der Treppe und es ist ihre und Faquarls Tochter, die dort hinten zusammengekauert an der Wand lehnt und Layras Hand hält. Mir wird schwindelig und ich muss mich am Sockel der aufgebrochenen Statue abstützen. Wie kann das sein? Mina, Faquarl, das Mädchen. Aber wie ist Mina an diesen Ort gekommen? Sie muss nach unserer Reise in die Hölle entführt worden sein. Die Entführer – waren sie noch in Narlgaard? Mina ist völlig entkräftet und fällt immer wieder in kurze Schlafphasen, aus dem sie nach wenigen Minuten erwacht. Sie ist nicht kaum ansprechbar und auch ihre Tochter scheint sie nicht zu kennen.

In der großen, mit Porträts behangen Halle finden wir Grunda wieder. Weder sie noch Eskel verlieren ein Wort über die Auseinandersetzung. Stattdessen winkt sie uns zu sich. In einer angrenzenden Halle hat sie etwas Bemerkenswertes entdeckt: Die Galerie. Sie durchmisst fast einhundert Meter und ist von oben bis unten mit Kunstwerken vollgestellt. Jegliche Formen der Kunst sind hier anzutreffen. Einfach alles was man sich vorstellen, oder auch nicht vorstellen kann, ist hier anzutreffen. Einige der obskuren Gegenstände verändern ihr Aussehen, ihre Ausrichtung, Farbe und Form, wenn man sie aus anderen Richtungen betrachtet. Nachdem ich mir viel Zeit genommen und mir einiges angesehen habe sticht mir immer wieder ein Begriff ins Auge. In Titeln und Beschreibungen der Werke taucht ein ums andere Mal der Begriff der ‚falschen Propheten‘ auf. Was hat es mit ihnen auf sich? Die Darstellungen sind keinesfalls einheitlich. Meist handelt es sich um absonderliche Darstellungen von Kreaturen. Mal sind es Puppenspieler, mal fürchterliche Scheusale. Wir fangen an einige der Werke in den Nimmervollen Beutel an Eskels Gürtel zu packen. Insbesondere halten wir nach Dingen Ausschau, die für Vahlxefesh‘zar von Interesse sein könnten, doch es fällt uns schwer ihre Vorleiben einzuschätzen. Magni packt ein, was blinkt und glänzt, Grunda hält nach Drachendarstellungen Ausschau und ich wähle die Werke, welche mit den ‚Propheten‘ in Verbindung gebracht werden. Zusätzlich von einigen Gemälden von Etna packen wir auch unsere Porträts aus der großen Halle ein. Darunter befindet sich auch eines von Nuseas Geliebten Dillion.

Schließlich bleibt nur noch eine letzte, verschlossene Tür. Magni verschafft uns gewaltsam Zutritt und dahinter kommt eine gewaltige Folterkammer zum Vorschein. Auf mehreren Ebenen befinden sich unzählige Käfige mit bemitleidenswerten Kreaturen. Einige sind bereits tot, andere noch am Leben, aber bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und entstellt. Sie wurden von den Kunstsammlerinnen gefoltert, aber den Zweck der abscheulichen Eingriffe können wir nicht erahnen. Ein junger, gehäuteter Drache bettelt um den Tod und einige wenige tun es ihm gleich, aber die meisten sind aufgrund von Verletzungen oder abscheulichen Eingriffen nicht mehr in der Lage sich zu äußern. Grunda verschafft sich Zugang zu dem Käfig des Drachen und erlöst ihn. Anfangs wollen wir ihr helfen, doch bereits nach wenigen Minuten verlässt Eskel verstört den Raum. Kurz darauf muss auch ich vor den markerschütternden Schreien der gequälten Kreaturen flüchten. Inmitten der Halle übergebe ich mich. Eskel liegt einige Schritte weiter auf dem Boden, den Blick starr an die Decke geheftet. Wenig später verlässt auch Magni den Raum mit leerem Blick. Grunda jedoch hält stand und erlöst jede noch lebende Kreatur. Ich bin nicht mehr in der Lage mich um Mina, das Mädchen, Layra oder Finnvarra zu kümmern. Ab und an bemerke ich Nusea, wie sie flüsternd zu sich selbst redend an mir vorbei schleicht. Ich verliere jegliches Zeitgefühl. Vielleicht vergeht eine Stunde, vielleicht aber auch drei. Durch die zerbrochene Tür höre ich das Gebrüll, das Kreischen und Stöhnen sterbender Kreaturen. Ab und an auch einige letzte Worte und das Schmatzen von Blut. Dann erstirbt der letzte Schrei und Grunda tritt aus dem Raum. Das Gesicht farblos, die Knie weich und ihre Gewänder mit dem Blut unzähliger Kreaturen getränkt.

Sera und Moraven haben Mühe uns alle in der große Halle zu versammeln. Ein Blick in die Runde verrät welch hohen Preis wir für den Ausflug in die Hölle gezahlt haben. Layra und Finnvarra ohne Gedächtnis und verängstigt. Eskel steht völlig neben sich. Von Grunda ganz zu schweigen. Nusea ist in sich gesunken, redet ununterbrochen mit verschiedenen Zungen zu sich selbst. Mina ist in den wenigen Augenblicken, in denen sie bei Bewusstsein nicht ansprechbar und ihre Tochter starrt uns alle verschreckt aus hilflosen Augen an. Magni, Moraven uns Sera versuchen die Situation unter Kontrolle zu bringen, während ich schweigend in die Gesichter meiner Gefährten starre und versuche meine alten Freunde darin wiederzuerkennen. In unserer Mitte liegt die bewusstlose Ovide mit offenem Brustkorb. Darin das leise schlagende Herz, was der Grund für unsere Reise war.

„Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.“ Sera ergreift das Wort und kämpft um unsere Aufmerksamkeit. „Meine Zauber werden in wenigen Stunden enden und auch wenn wir hier drinnen geschützt sind, so sollten wir doch bei Vahlxefesh‘zar eintreffen, bevor die Wirkung abklingt.“ Ich versuche mich zusammenzureißen und bei der Ausarbeitung eines Planes behilflich zu sein. Das einfachste wäre es diesen Ort durch die Tür zu verlassen, welche uns direkt nach Dis bringt. Jedoch müssen wir noch einmal die Treppe hinauf und Ovide im Styx versenken. Doch befürchten wir, dass es keinen Weg zurückgeben wird. Wenn wir diese Galerie verlassen, dann müssen wir womöglich erneut die lange und gefährliche Reise auf dem Styx in Angriff nehmen, durch die Taenarische Pforte treten und uns von dort aus zurück in den sicheren Hafen, die Bibliothek der Drachendame, teleportieren. Das sind keine besonders verlockenden Aussichten, doch es scheint möglich. Nusea hat noch einige Schriftrollen mit Zaubern, welche uns vor den tödlichen Bedingungen der Hölle schützen werden. Somit beschließen wir die Gruppe zu teilen. Sera wird mit Moraven, Layra, Finnvarra, Mina und der kleinen Halb-Elfe den direkten Weg wählen und alle sicher zu Vahlxefesh‘zar Versteck bringen. Ich mache mich mit Grunda, Eskel, Magni, Nusea und der bewusstlosen Ovide auf den Weg nach draußen. Wir werden den Plan der Kunstsammlerin vereiteln und einen anderen Weg zurück finden müssen.

Wie erwartet öffnet sich das Tor zur Galerie kein zweites Mal, als wir darunter hindurch ins Freie treten. Vor uns liegt das von feuriger Lava beschienene Gebäude. Von außen ist keine Spur davon zu sehen, was in den letzten Stunden dort geschah. Wir haben Ovide fest gepackt, als der Alchemist ihr das Riechsalz unter die Nase hält. Vom beißenden Geruch wird die Sahkil nach kurzer Zeit wach und schaut sich hilfesuchend um. „Wo bin ich?“ Unsanft reiße ich ihren Kopf nach hinten, sodass sie einen Blick auf die erleuchtete Galerie werfen kann. „Was –?“, das Entsetzen ist ihr ins Gesicht geschrieben. „Tut es nicht!“, ihr betteln klingt wie Musik in unseren Ohren, nach all den verhöhnenden Fragen. „Alles war umsonst. So viel Leid. Wollt ihr, dass all das was ihr durchmachen musstet und das was ihr noch durchmachen werdet – wollt ihr, dass all das umsonst war?“ Wir ignorieren ihr Flehen und fordern Antworten. Was hat es mit dem angekündigten ‚Ende des Multiversums‘ auf sich und was ist ‚Transzendenz‘? Wir halten sie über das schwarze Wasser des Styx, drücken ihr den Kopf auf die Brust, sodass ihr verzweifeltes Spiegelbild zu ihr hinaufblickt. Tatsächlich scheint dies Wirkung zu zeigen. „Das Ende des Multiversums ist dann erreicht, wenn dessen Grenzen erstmalig überschritten wurden. Transzendenz – das was wir nicht erfahren können. Keine Hölle, keinen Himmel, keine Existenzebenen.“ Ist es das, nach was sie streben? Dass sich ihre Existenz nach ihrem Tod auflöst und ihre Seelen die Grenzen des Multiversums überschreiten? „Das wird meiner Seele nicht möglich sein. Aber jetzt weiß ich, dass es mehr gibt. Ihr habt es noch immer nicht verstanden. Was ist Transzendenz?“ Wieder beginnt sie diese Frage zu wiederholen, bis ich sie unterbreche. „Wer sind die falschen Propheten?“ „Ihr stellt die richtigen Fragen. Und doch könnt ihr nicht verstehen. Es sind die, die wir nicht wahrnehmen können. Es sind die, die sich uns entziehen. Sie sind das Jenseits. Das wahre Jenseits.“ Ich will wissen was ‚falsch‘ ist an diesen Propheten. „Es sind die grausamsten, wahnwitzigsten, verrücktesten Kreaturen, die ich mir vorstellen kann.“ „Ich habe eure Kunstwerke gesehen, eure Abbildungen der Propheten. Existieren sie tatsächlich oder sind entspringen sie euren wirren Fantasien?“ Ovide lacht schrill auf, sodass ich mich erschrecke und sie fast loslasse. „Es sind Kreaturen, die existieren müssen. Aber warum? Weil ihr diese Frage nicht beantworten könnt. Weil ihr nicht wisst, nicht verstehen könnt, was Transzendenz ist.“ Dann platzt es aus mir heraus und ich brülle sie an. „Dann erklärt es uns! Erklärt uns was Transzendenz ist.“ Mit ruhiger Stimme fährt die Sahkil fort. „Transzendenz ist das, was wir nicht wahrnehmen können. Das was sich jeglicher Form unserer Wahrnehmung entzieht. Kein Asmodeus, dem ich den Bart streicheln kann. Keine Iomedae, die mich mit dem Schwert zu richten vermag. Das was sich uns vollkommen entzieht. Ihr jedoch werdet dumm bleiben. Ihr könnt es nicht verstehen. Und ich kann es euch nicht erklären.“ „Und ihr werdet eure Erkenntnis einbüßen, alles vergessen“, gebe ich tonlos zu bedenken. „Das wäre tatsächlich der grausamste Akt, den je eine Kreatur im Multiversum vollzogen hätte. Ihr wisst nicht, was es bedeutet. Ihr wisst nicht, was ihr vorhabt zu tun.“

Wenn das alles ist, was sie uns zu sagen hat, können wir sie nun bedenkenlos dem Fluss übergeben. Doch eines will Eskel noch wissen. Was haben sie mit Mina angestellt? Ovide fängt an zu Lachen, ein wahnsinniges Lachen. „Es platzte einfach aus ihr heraus, als wir sie die Treppe hinab traten.“ „Weshalb Mina? Warum habt ihr sie entführt?“ „Nur durch Schmerz kann man Erkenntnis erlangen.“ Eskel blickt nach rechts, blickt nach links. Mit einem Nicken geben wir uns ein Signal. Es ist an der Zeit dieses Spiel zu beenden. Langsam führen wir ihren Kopf dem schwarzen Wasser entgegen. „Etna konnte eurem grausamen Plan entkommen. Ich bin so glücklich für sie. Sie ist das glücklichste Wesen dieser und aller andern Welten.“ Dann ersterben ihre Worte. Als wir ihren Kopf wieder aus dem dunkeln Fluss hervorziehen, sieht sie uns aus glasigen Augen an. Kein Erkennen liegt in ihrem Blick und ich stelle die einzig relevante Frage. „Was ist Transzendenz?“

Vierundvierzigste Sitzung am Sonntag, den 16. Dezember 2018 in Mainz.
Mit Tobi, Dominik, Ilka, Lucas und mir.

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