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#30 (1) Eine Sitzung des Hohen Rats (17. Pharast, 4712 AZ)

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Eine Erzählung von Moraven

Moraven erwachte, fast gelangweilt von dem immer wiederkehrenden Traum, und richtete sich auf. Die Bilder hallten, wie immer, noch nach in seinem Kopf, wie ein an Bergflanken abprallender Trommelschlag. Der Traum war immer gleich: Er tat immer etwas ganz Banales, beispielsweise erntete er irgendwelche Beeren für Eskel von einer Unterwasser-Wiese, oder er brachte dauernd verunglückte Singvögel zu Vater Grigori, die nach ihrer Wiederbelebung undankbar schimpften und einfach davonflogen, oder – ... Wie auch immer, nach der vierten bis fünften Beere, beziehungsweise nach dem vierten bis fünften Singvogel kam einfach ein riesiger Greif, der ihn davontrug und aus war der Traum.

Nun, ihm war klar woher der Traum kam und dass er insgesamt beim Träumen anscheinend sowieso einiges vermischte und deswegen wunderte er sich nichtmehr. Moraven stand auf, erinnerte sich an die heutige Sitzung im Hohen Rat und entschied, dass er bis dahin noch ein wenig in den entweder ältesten oder aktuellsten (er hatte sich hier noch nicht entschieden) Ausgaben der Chroniken der Kundschafter herumlesen und die neue Zunfthalle besuchen könnte.

Die Sitzung des Hohen Rates war halbwegs interessant. Es wurde viel über den überdurchschnittlich kalten Winter diskutiert, der die weiteren Bauarbeiten in der Stadt behindert hatte. Seit Beginn des Pharast war es ein wenig besser geworden, man konnte nun rausgehen ohne dass man befürchten müsse die Luft in der Lunge gefriere zu einem Block und formte einen Abdruck dieser Innerei, den man dann Stück für Stück aushustet und sich über die feinen Strukturen wundert die auf den Bröckchen zu erkennen waren … Moraven fragte sich, wann er so schwarzseherisch geworden war und nahm sich vor das zu ändern. Immerhin war es wirklich seit Anfang Pharast besser geworden und Mareen hatte das auch sogleich genutzt um auf Erkundung zu gehen und war nun schon seit eineinhalb Wochen weg. Sie hatte jedoch zugesagt zur heutigen Sitzung zurück zu sein um zu berichten. Noch war sie jedoch nicht erschienen.

Da im Winter eine durch meterhohe Schneedecken verursachte Ereignisarmut eingetreten ist, und jeder dachte, es müsse doch bald mal losgehen im neuen Jahr und irgendetwas müsse doch demnächst einmal passieren kam Faquarl auf den Gedanken alle Ereignisse, seit einem bestimmten Vorfall, in dem ein bestimmter Raubvogel beteiligt war, noch einmal im Hohen Rat durchzusprechen und zu analysieren.

Es hatte sich also herausgestellt, dass der Brief, den sie damals erhalten hatten, in dem die Varns um Hilfe baten gefälscht worden war. Die Gruppe, die sie damit in den Hinterhalt gelockt hatte, besaß Tränke, beschriftet in zweifellos derselben Handschrift wie der besagte Brief. Nun, dieser Fakt hätte allein gesehen noch viel schlimmere Folgen bedeuten können und deshalb waren sie damals auch nicht umgekehrt, sondern sind weiter gegangen in Richtung Varnburg. Bis zu dem bereits fertig gestellten Abschnitt des Varnburgpasses war das allerdings gar kein so leichtes Unterfangen gewesen, denn die Strecke durch das Gebirge war, unbefestigt, doch recht beschwerlich.

„Dieser verdammte Roch hätte uns und allen Reisenden im Gebirge später noch gründlich gefährlich werden können. Es war wahrscheinlich nicht schlecht ihn jetzt schon zu erledigen.“ Der von Magni mehr in die Ratsrunde gegrummelte als gesprochene Gedanke wurde von allen als durchaus richtig empfunden. Dennoch, es war ein stattliches Tier, und der Gedanke Schuld an seinem Tod zu sein hatte auch etwas Trauriges.

Nach Erreichen des bereits fertig gestellten Abschnitts der Passstraße kamen sie damals weitaus besser voran. Die Passarbeiter versicherten ihnen zudem, dass ihres Wissens nach die Varns nicht in Gefahr waren. Das hob die Stimmung der Gruppe, und die Laune von Layra, Grunda, Magni, Rahel, Faquarl und Moraven stieg noch einmal deutlich an, als sie dem Pass folgend, nach einer Biegung das hinter dem Gebirge liegende Land sehen konnten. Die Gebirgsluft war klar und sie blickten weit in ein grünes Land, in dem sich der Kiravoy von Südwest nach Nordost schlängelte. Er war hier und dort umsäumt von kleinen Wäldchen und entsprang, wenn man dem Fluss mit dem Blick folgte, den weiter südlich liegenden Bergen nahezu genau an dem Punkt, an dem die Sonne, schon leicht rötlich gefärbt, noch nicht ganz die höchsten Gipfel berührte, sodass man blinzeln musste bei diesem Anblick (tatsächlich brach Grunda bei diesem Anblick in einen hallenden Niesanfall aus sodass sich nicht nur Moraven bei diesem Lärm nach einem epochal übergroßem Gamsbock oder so etwas ähnlichem umblickte der sie womöglich gleich angreifen würde). Geradeaus, genau vor ihnen am Fluss erbaut, lag Varnburg. Die Holzpalisaden der befestigten Siedlung waren in einen rötlichen Ton getaucht und das Dörfchen war die Quelle eines Weges der sich dem Fluss entlang anschmiegte, vielleicht nach Restov führend, wie sie vermuteten.

Sie schafften den restlichen Weg bevor die Sonne hinter den Bergen verschwand und wurden mit einem über ihre Ankunft überraschtem Wachgeleit hereingeführt. In einem höher gelegenen Gebäude der Anlage, die Moraven ein wenig an die Hirschfeste erinnerte, wurden sie von Maeger und seinem Bruder Erikk Varn empfangen. Nach Kundtuung ihrer aufrichtigen Überraschtheit über das Eintreffen des rivischen Adels wurde erstmal ein Vertrag aufgesetzt um die zweifelsfrei wertvollen, riesigen Federn des Roch, den sie erlegt hatten gegen die Felsblöcke zu tauschen, die bei den Arbeiten am Varnburgpass aus dem Gestein gehauen wurden. Die Höflichkeit bei solchen Treffen verlangt immer um mindestens einen Vertragsschluss, das hatten sie inzwischen alle gelernt. Um es ausgeglichen zu machen, sollten die Felsbrocken sogar nach Narlgaard geliefert werden. Der Vertrag war jedoch auch wichtig, denn tat auch seinen eigentlichen Zweck und bestätigte, dass die Handschrift der Varns nicht die des Briefs war der sie hergeführt hatte.

Da die Abenteurer sich in dieser Hinsicht nun sicher waren, konnten Sie auch den wahren Grund ihrer Anreise nennen. Der Brief war immerhin mit dem offiziellen Siegel der Varns versehen gewesen. Es stellte sich heraus, dass Erikks Siegelring vor relativ kurzer Zeit gestohlen wurde, was diesem auch sichtlich unangenehm war. Ebenso wurde die Gruppe, welche die Rivas überfallen hatte im örtlichen Gasthaus „Zum Wasserpferd“ gesehen.

„Wir hätten dort gleich nachsehen sollen!“ Diesmal grummelte Magni verständlicher und lauter. Faquarl war bereits dabei trocken die Liste der Gründe für ihre Rückkehr am nächsten Tag zu aufzuzählen. „Ich verwette meine linke Schnurrbartlocke dass wir dort den Siegelring gefunden hätten!“, meinte Magni.
„Vielleicht ja, vielleicht wär‘ dir aber auch die halbe Oberlippe im Winter weggefroren.“ Alle in der Runde waren ein wenig überrascht von Grundas doch ein bisschen gereizter Antwort. „Ich meine ja nur: Unsere letzten Ermittlungen waren nicht so wirklich erfolgreich. Und vielleicht hängt ja eh alles zusammen. Immerhin war das ein Attentat, gezielt auf uns, wie dieser Teufel. Und mal ganz ehrlich, dass dieser Moussan Sahr nur eine Figur in einem viel größerem Plan uns zu schaden war, ist ja wohl allen schon klar gewesen, bevor der sich erhängt hat.“ Es war mehr oder weniger still in der Runde, nur Faquarl zählte stur noch immer Gründe für die Abreise von Varnburg auf. Er war bei den als „wichtiger eingestuften“ Gründen angekommen und ein Landhai im Zusammenhang mit wenig Erfahrung mit in Boden schwimmenden Tieren war einer davon. Er hielt kurz inne, runzelte die Stirn, blickte zu Layra und machte dann weiter mit seiner Aufzählung. Sie wurde nicht von allen wahrgenommen, weil sie in Konkurrenz stand mit einer Aufzählung die Grunda gerade angefangen hatte: „Pitax, nichts! Von den Orlowskis? Nichts, nichteinmal eine Nachricht! Neu Stetven, keine Information über Schwarzholz und verschwindende Leichen! Hochgraben, dasselbe! Silberhalle? nun ja, immerhin. Dort soll es verschwundene Personen und Familien gegeben haben, vor ungefähr zwei Jahren ist das wohl passiert. Aber die Unterlagen darüber sind auch verschwunden!“

„Stimmt, eine Nachricht von den Orlowskis wäre schön gewesen.“ Die Stimme von Rahel, der ersten Spionin Riviens war ruhig und sie beobachtete Kevil dabei aus den Augenwinkeln. „Haben des Fürstens liebliche Harfenklänge denn den König erreicht und ihm eine Information über Teufel und Verschwundene Familien entlocken können?“ fragte Layra spöttisch. Moraven überlegte kurz, wie er reagieren sollte und entschloss sich für ein einfaches Kopfschütteln.

„… dafür Trinkschläuche aus Zentaurenleder, außerdem wollten die Varns ihr Siegel ändern, sodass nicht mehr Schreiben gefälscht werden können und, der wichtigste Grund, wir befürchteten eine Ablenkung und hatten Sorge, dass Narlgaard in unserer Abwesenheit angegriffen werden würde!“, schloss Faquarl. „Meine Versuche die Leichen oder den Siegelring mit Magie aufzuspüren waren auch ohne Erfolg“, fügte er der aktuelleren Debatte hinzu. Moraven schmunzelte über den klug-eigensinnigen Magier, und verlor sein insgeheimes Grinsen rasch wieder, als er an einen ganz bestimmten Dolch dachte.

„Es lässt sich doch so zusammenfassen“, sagte er, „dass es mehrere Versuche gab uns zu schaden, oder gar zu töten. Keinen dieser Versuche können wir gerade aufklären und auch nur genügend weit zurückverfolgen um zu sehen wer dahintersteckt. Nicht einmal mit der Magie unseres Magiers und das ist jetzt ernst gemeint: Faquarls Fertigkeiten in diesem Bereich sind nicht die schlechtesten. Für mich sieht das aus, als würde jemand hier aktiv verhindern, dass wir dahinterkommen, und das wiederrum würde bedeuten, dass alles zusammenhängt, und, dass Mächte dahinterstecken die zumindest mächtiger sind als wir gerade.“

Das löste eine noch größere Debatte aus, und der Hohe Rat Riviens benötigte mehrere Minuten um seine eigenen Wogen zu glätten und sich wieder zu beruhigen. „Nun es gab auch einige Fortschritte“ versuchte Moraven mit einem anderen Thema fortzufahren, „Restov hat sich gemeldet, zwar nicht zu verschwundenen Familien, aber mit einer Botschafterin, wie vereinbart.“ Layra nickte. „Wir werden sehen, was uns das in Zukunft bringen wird, aber ich habe meinerseits auch ein gutes Gefühl bei Konrad Grom‘Kul. Er scheint Erfahrung zu haben.“

„Nun gut, weitere Punkte für heute? Nein? Ist Mareen immer noch nicht zurück? Ach so, vielleicht freut es euch zu hören, dass mir Rupqemar heute erzählt hat, dass seit wir unsere Liste gefährlicher Orte in der Zunfthalle ausgehangen haben, wirklich weniger Vermisste und Tote in der Kundschafterloge verzeichnet werden. Mal sehen ob wir einige von Ihnen beim nächsten Hügelgrabbesuch finden.“ Der letzte Satz war mehr geseufzt als alles andere. „Also, wenn es weiter nichts gibt“, fingt Moraven an um die Sitzung zu beenden und lies eine Pause für mögliche Unterbrechungen. „Dann ist hiermit -.“

Moraven wurde unterbrochen von Eskel, der fragte „Gibt es etwas Neues über Hra-,“ und dann selbst unterbrochen wurde von dem lauten Aufschwingen und wiederzufallen der großen Türe, durch welche Mareen, ohne Vorahnung, eilig, aber sicheren Schrittes die Halle betrat. Jeder, einschließlich Eskel, der seinen Satz automatisch vorzeitig beendete, war völlig überrascht über die plötzlich neu Eingetroffene. Diese schritt weiter zum Tisch, zog die Augenbrauen hoch und setzte ein spöttisches Lächeln auf. „Nun, wäre ich euer Feind, hätte ich in der Zeit in der ihr wie versteinert da sitzt schon mindestens drei von euch erledigt. Ich glaube, sehr verehrter Hoher Rat, euch mangelt es an Abenteuern. Ihr solltet ausziehen und einwenig frische Luft und Blut schnuppern! Was meint ihr?“

„Bei Torag, wie recht du hast!“ Magni hatte seine Initiative zuerst wiedererlangt. „Was gibt es zu berichten Mareen?“ fragte Rahel, und plötzlich schien die Stimmung in der Runde wieder zu steigen. „Nun, ein wenig kann ich schon erzählen“, fing sie an, „von riesigen Eulenbären, beispielsweise, oder.“ „Verzeiht, Mareen“, Eskel nickte ihr kurz höflich zu als er das sagte, „doch ich hatte noch eine Frage, bevor ihr anfangt von euren beneidenswerten Abenteuern zu berichten: Was gibt es Neues von Hragulka und der Trollfestung? Haben wir keine aktuelle Auskunft von dort?“

„Nun der letzte Bericht“, setzte Kesten an, „ist schon ein wenig älter, doch er sagt, dass sich die Trolle ruhig verhalten, und sie ihr Tor kaum offenhielten. Die Kälte hat ihnen wahrscheinlich mehr zugesetzt als uns und ihr schleimiges Blut gefrieren lassen.“ In den nächsten sechs Sekunden passierte mehr als in den gesamten letzten zwei Stunden. Während Kesten noch rau über seinen letzten Satz lachte, ertönte draußen der helle, alarmierende Fanfarenstoß eines Wachsoldaten. Der zweite Fanfarenstoß brach jäh ab. Moraven sah, wie Mareen sich zuerst duckte und dann Richtung Hallentüre lossprintete, durch die sie gerade gekommen war. Magni sprang von seinem Stuhl auf und Moraven sah nicht wie die Axt plötzlich in seine Hand kam. Er sah, während er selbst vom Stuhl aufsprang, dass im gleichen Moment in dem Kesten verstummte, Faquarls Lippen sich bewegten und seine linke Hand irgendetwas zerdrückte während die Rechte mit festem Griff um Eskels Schulter lag. Der stand auf, zog sein Schwert mit der rechten über seinen Kopf hinweg und hob Faquarl einfach mit vom Stuhl. Eine ähnliche Bewegung machte Rahel mit der linken Hand um gleichzeitig nach ihrem Bogen und Pfeilen zu greifen und auch Grunda hatte bereits ihre elegante, dünne Waffe gezogen und schwang sich über den Tisch vor ihr um Mareen zu folgen. Layra, stand, nicht auf ihren Stab gestützt, hatte die Augen geschlossen und den Kopf dennoch, wie als blicke sie in den Himmel, nach oben gerichtet. Ihre Lippen bewegten sich leicht als sie mit Finnvarra kommunizierte und ihr Gesicht war entschlossen und ernst. Während die Hallentüren aufschwangen lösten sich zwei Rückengurte an Moravens Lederkleidung und befreiten seine Laute, die sich durch Magierhand in seine Linke vor der Brust bewegte. Eine schrecklich blutende Wache erschien in der Tür und schrie eine noch schrecklichere Nachricht: „Angriff! Wir werden angegriffen! Trolle! Sie sind überall in der Stadt!“ Mit dem letzten Wort verschwanden Faquarl und Eskel augenblicklich und Moraven spürte einen kurzen Sog, als die Luft den Raum füllte, der eben noch von den beiden ausgefüllt war.

Teil eins der dreißigsten Sitzung am Sonntag, den 4. Februar 2018 in Frankfurt.
Mit Tobi, Lucas, Ilka, Lena, Toni und Miles.

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